Als Lehrlinge, Kinder und junge Mütter im Tösstal Erholung suchten
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte sich das Tösstal als Erholungsort etablieren. Vor allem Städterinnen und Städter suchten damals auf dem Land Abstand und Ruhe.
1875 wurde das Gebiet mit der Tösstalbahn besser erschlossen. Die Bahn transportierte aber nicht nur Arbeiter nach Winterthur, sondern erlaubte es auch, das Tal für den Fremdenverkehr zu erschliessen.
«Jeder, der Erholung suchte, hat sie im Tösstal gefunden», sagt der Wilemer Historiker Wolfgang Wahl, der Präsident der Ortsmuseumskommission Wila. Gemeinsam mit weiteren Tösstaler Museumsverantwortlichen hat er eine Ausstellung konzipiert, welche die Entwicklung des Tourismus im Tal beleuchtet.
Das Angebot
Im Zentrum der Ausstellung steht die Geschichte von 15 sogenannten Erholungshäusern. Nebst dem klassischen Gasthof spielten sie eine zentrale Rolle für den Erholungstourismus. Gemäss Wahl war das so vorhandene Angebot sehr breit. Das Spektrum reichte vom Haus für Mütterferien bis zum Kindererholungsheim.
So war die Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirks Pfäffikon in Bauma tätig. Dort hat sie ab 1926 im Gast- und Kurhaus Schindlet Ferien für Kinder aus dem Bezirk angeboten. Diese stammten aus allen Schichten. Jeden Sommer gab es zwei bis drei sogenannte Ferienkolonien.
Luxus konnten die Kinder jedoch nicht erwarten. Sie schliefen auf Eisenbetten. Die Mädchen im kleinen, die Knaben im grossen Saal – ohne Kissen. Zunächst stand pro Kind täglich nur gerade ein Liter Wasser fürs Waschen zur Verfügung. Lavabos wurden im Schindlet erst in den Fünfzigerjahren eingebaut.
Die Anbieter
So vielfältig das Angebot war, so divers war auch die Trägerschaft. «Oftmals waren es gemeinnützige Gesellschaften wie beim Schindlet. Aber auch religiöse Institutionen, Vereine oder Betriebe haben sich engagiert», erläutert Wolfgang Wahl.
Eine davon war die Winterthurer Firma Gebrüder Sulzer, die das Ferienheim Hörnlihaus Tanzplatz betrieb. 1917 kaufte der Winterthurer Ingenieur Albert Sulzer oberhalb von Steg bei Fischenthal 16 Hektaren Land. Darauf liess er ein Ferienheim für die Lehrlinge der Firma bauen.
1989 stellte die Sulzer die Lehrlingsferien ein. Aber noch heute bietet ein Verein das Haus für Ferienlager an.
Das Ende der Erholungsferien?
Der Stellenwert von Erholungsferien veränderte sich aber im Laufe der Zeit. «Im Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Familienferien alltäglich und für fast alle bezahlbar», resümiert Wahl.
Die Erholungshäuser konnten nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck erfüllen. Die meisten haben heute eine andere Funktion. So der Röseligarten in Sitzberg. Einst Heim für Mütterferien sowie Hauswirtschaftskurse, ist er heute ein Ort für Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen.
Das bedeutete aber nicht, dass alle Angebote eingestellt wurden. Auch kamen neue hinzu wie das Gruppenhaus Rosenberg. Dieses richtete Ralph Bachmann 1980 in der ehemaligen Seidenweberei ein, die bis 1858 ein Gasthof war.
Gegen 100’000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene erlebten hier im Verlauf von fast 40 Jahren eine Kurswoche oder ein Wochenende. Die Veränderung der Bildungslandschaft und unterschiedliche interne Vorstellungen führten 2019 dazu, dass der Betrieb geschlossen wurde.
Tourismus damals und heute
Das Tösstal ist aber auch ohne die klassischen Erholungshäuser weiterhin ein Touristenmagnet. «Die Ansprüche sind heute einfach anders», betont Wahl. «Heute sind wir eher ein Naherholungsgebiet für Tagestouristinnen und -touristen.»
Doch gewisse Dinge scheinen sich nicht zu ändern. Der Verkehrsverband Tösstal hat zum Beispiel 1922 «Zehn Gebote für Touristen und Kuranten» veröffentlicht.
«Das achtlose Wegwerfen von Abfällen scheint damals wie heute ein grosses Problem gewesen zu sein.»
Wolfgang Wahl, Historiker aus Wila
Im siebten Gebot steht: «Wirf nicht das Einwickelpapier von mitgenommenen Speisen gedankenlos weg, denn du verdirbst damit den anderen den ästhetischen Genuss.»
Heute, hundert Jahre später, gibt es noch immer Kampagnen, die Ausflüglerinnen und Ausflügler an die Regeln erinnern. «Das achtlose Wegwerfen von Abfällen scheint damals wie heute ein grosses Problem gewesen zu sein», sagt Wahl.
Der Stellenwert fürs Tösstal
Die Erholungshäuser im Tösstal bezeichnet der Historiker als wichtigen Teil der Tösstaler Sozialgeschichte. «Viele Tösstalerinnen und Tösstaler haben einen Teil dieser Zeit noch miterlebt. Sie hat das Leben dieser Menschen geprägt.»
Und sie haben zur Entwicklung der Tourismusförderung in der Region beigetragen, angefangen im Tösstal.
«Erst ab 1945 hat sie sich auf das gesamte Oberland ausgestreckt», erzählt Wahl. «Das ‹arme› Tösstal war also schon immer sehr stolz auf die eigene Region und aktiv im Bestreben, seine Schönheiten und Besonderheiten zu zeigen.»
Die Ausstellung «Erholung im Tösstal» wird am Samstag, 8. Oktober, erneut im Ortsmuseum Turbenthal gezeigt. Sie ist von 14 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Gleichentags findet auch die traditionelle Moschtete statt. Kurz nach 14 Uhr starten die Vorstandsmitglieder die Mostobstmühle.
Die Ausstellung zieht danach ins Ortsmuseum Wila. Dort findet die Vernissage am 6. November statt. (bes)
