Frauenhaus Zürcher Oberland gibt es nun seit 30 Jahren
Frau Fausch , am 16. September «feiert» das Frauenhaus Zürcher Oberland sein 30-jähriges Bestehen. Veranstalten Sie eine Feier? Das Haus ist schliesslich keine fröhliche Einrichtung…
Sandra Fausch: Natürlich, «30 Jahre Frauenhaus» sind kein fröhlicher Anlass. Jede Frau, die Gewalt in der Partnerschaft erfährt, ist eine zu viel. Unser Ziel wäre erst erreicht, wenn man uns abschaffen könnte. Die Realität ist leider eine andere. Deshalb sind es für uns «fröhliche Ereignisse», wenn wir dazu beitragen, dass eine Frau aus einer gewalttätigen Beziehung ausbrechen kann. Deshalb feiern wir die Institution auch mit einem richtig grossen Fest. 30 Jahre Frauenhaus sind nämlich für uns auch 30 Jahre Engagement gegen Gewalt an Frauen und Kindern.
Sie sind schon seit sieben Jahren die verantwortliche Leiterin dieser Institution. Was bedeutet diese Zahl für Sie?
Nun, ich bin als studierte Sozialarbeiterin seit 20 Jahren in diesem Bereich tätig und vor sieben Jahren direkt als Leiterin ins Frauenhaus Zürcher Oberland eingestiegen. Natürlich kommen mir in der Rückblende schlimme wie auch schöne Erfahrungen in den Sinn. Bei unserer Gründung 1992 gab es im Zürcher Oberland gerade einmal eine auf Freiwilligenbasis betriebene Notwohnung. Es brauchte viel Engagement, Einsatz und Durchhaltewillen unserer Gründerinnen, um diese überhaupt zu realisieren. Heute sind die Verhältnisse mit neun Zimmern, 25 Plätzen, zwei Notbetten und 22 Mitarbeiterinnen doch weitaus besser. Das stimmt mich positiv.
Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken, würden Sie sagen, dass sich die Probleme der häuslichen Gewalt verschärft haben?
Zahlenmässig kann man zu früher keine genauen Vergleiche ziehen. Dadurch, dass es heutzutage mehr staatliche Hilfe und Unterstützung gibt und das Thema der häuslichen Gewalt öffentlicher geworden ist, melden sich die Betroffenen eher. Sagen kann ich aber, dass wir in diesem Jahr im Frauenhaus Zürcher Oberland noch höher ausgelastet sind, als es während den beiden Pandemiejahren 2020 und 2021 der Fall war. In vielen Frauenhäusern ist die Situation dieselbe. Auch die Zahlen der Opferhilfeberatungsstellen und der Polizei zeigen 2022 eine Zunahme von Fällen. Es scheint, als ob sich jetzt, wo wir uns wieder freier bewegen, mehr Frauen und Kinder aus gewaltbelasteten Familien Hilfe suchen.
Wie sieht die Problematik der psychischen Gewalt aus, also den sogenannt «toxischen» Beziehungen?
Häusliche Gewalt ist immer psychischer, physischer und oftmals sexueller Natur. Ein massiver Kontrollzwang seitens des Partners ist ebenso eine Form von häuslicher Gewalt. Auch gezielte Isolation, in der den Frauen Freundschaften verboten werden und sie in diesem Sinne eingesperrt sind. Eine gängige Drohung: Holst du dir Hilfe und verlässt mich, sorge ich dafür, dass du die Kinder verlierst oder Schlimmeres. Auf alle Fälle gilt: Je länger eine Frau in einer toxischen Beziehung gefangen ist, desto schwieriger wird der Ausbruch. Diese Frauen verlieren häufig ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstwertgefühl. Sie haben kein soziales Umfeld, das sie unterstützt. Sie wissen schlicht nicht wohin. Der Schritt aus der gewaltbelasteten Beziehung scheint unüberwindbar…
Wie gestaltet sich das Prozedere, wenn eine Frau bei Ihnen Schutz sucht?
Der erste Kontakt erfolgt stets telefonisch oder per E-Mail. Vielfach sind es Nachbarn oder Bekannte der Betroffenen, die sich zuerst an uns wenden. Dann wird abgeklärt, ob das Frauenhaus der richtige Ort ist, ob eine Gefährdung vorliegt und abgeschätzt, wer für den Aufenthalt aufkommt. Die ersten 35 Tage finanziert in der Regel die Opferhilfe, dann greift das Sozialamt.
Wie lange darf eine Frau überhaupt bei Ihnen bleiben und wie kommt sie zu Ihnen? Der Standort ist schliesslich nicht genau bekannt.
Der erste Treffpunkt ist entweder ein öffentlicher Ort oder die Polizei bringt das Opfer direkt zu uns. Die Adresse geben wir auch jenen, die es gut mit den Frauen meinen, nie bekannt. Was die Aufenthaltsdauer betrifft, so gibt es keine Richtlinien. Sie ist immer auf die individuelle Situation abgestimmt. Manche halten es nur ein bis zwei Tage bei uns aus. Andere bleiben drei bis vier Monate. Zudem haben wir noch zwei Aussenwohnungen für Frauen, die nicht mehr den vollen Schutz des Frauenhauses, aber weiterhin Beratung und Begleitung benötigen.
Im Jahr 2019 wurde publik, dass die Stadt Uster sowie Wetzikon das Frauenhaus Zürcher Oberland nicht unterstützen. Wie sind sie heute finanziell gestellt?
Wir finanzieren uns durch verschiedene Quellen. Da wären zum einen die Taggelder von der Opferhilfe oder den Gemeinden, die pro Aufenthaltstag zahlen. Dann der Kantonsbeitrag vom kantonalen Sozialamt, das seit 2019 einen erhöhten Teil der Kosten übernimmt. Weiter bekommen wir Beiträge von verschiedenen Gemeinden im Oberland. Mit der Stadt Uster haben wir inzwischen eine sehr gute Zusammenarbeit – bei unserer ambulanten Beratungsarbeit unterstützt sie uns finanziell. Und dann kommen noch Spendengelder von Stiftungen, Frauenvereinen, Kirchgemeinden und Privatpersonen hinzu. Die Situation hat sich im Vergleich zu früheren Zeiten deutlich verbessert.
Nehmen Sie nur Frauen aus dem Oberland auf oder gibt es auch Ausnahmen, falls anderswo Platzmangel herrscht?
Platzmangel herrscht traurigerweise meist überall. Als Frauenhaus Zürcher Oberland sind wir zwar in der Region angesiedelt, nehmen aber Frauen aus dem ganzen Kanton Zürich und teilweise auch ausserkantonal Frauen auf. Bei grosser Gefährdung ist es teilweise besser und sicherer, wenn Frauen möglichst weit von ihrem Wohnort unterkommen können. Für eine Frau aus dem Oberland ist die Zuflucht ins Frauenhaus Winterthur oder Zürich sogar effektiver.
Wie sieht die Strategie für die nächsten 30 Jahre aus?
Für das Frauenhaus Zürcher Oberland bleibt das Hauptziel für die nächsten 30 Jahre dieselbe: Wir wollen Schutz, Unterkunft, Beratung und Begleitung für gewaltbetroffene Frauen und Kinder bieten. Sie sollen bei uns in ihrer individuellen Situation unterstützt werden, und erste Schritte in eine selbstbestimmte Zukunft machen können. Wir begleiten sie in allem, was dafür nötig ist. Als Institution wollen wir auch in den nächsten 30 Jahren flexibel und anpassungsfähig bleiben und unser Angebot auf die Bedürfnisse Betroffener ausrichten. Wie unsere Geschichte zeigt, ist uns das in den letzten 30 Jahren nicht schlecht gelungen. Das wollen wir beibehalten.