So steinig war der Werdegang des Oberländer Autoren Emil Zopfi
Er ist Alpinist und Schriftsteller – letzteres sogar mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schweizer-Jugendbuch- sowie Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis: Emil Zopfi. Das bewegte Leben des heute 79-jährigen Oberländers war stets steinig.
Seine dunklen Augen sind wach und aufmerksam, hin und wieder blicken sie nachdenklich unter den buschigen Augenbrauen hervor. Zopfi wirkt entspannt und heiter, obwohl einige seiner Erlebnisse auch bitter waren. Es scheint, dass es die Mischung aus Bergsteigen und Schreiben ist, durch die man besonders gut altert.
Wilde Kindheit
1943 kam Zopfi in Gibswil, einer Hinwiler Aussenwacht und damals noch kein Bauerndorf, zur Welt. Zwar gab es einige Bauern, doch das Dorf wuchs rund um die dortige Baumwollspinnerei. Seine Eltern, Fabrikarbeiter, arbeiteten Schicht – für Kinderbetreuung fehlte ihnen die Zeit. So erlebte Zopfi eine wilde Kindheit
«Wir sind schon kleine Roboter geworden»
11.09.2022

ReWi-Podcast
Der Schriftsteller und Alpinist Emil Zopfi stammt aus einer Gibswiler «Fabrikler»-Familie und ken Beitrag in Merkliste speichern Mit einer Bande von Fabrikarbeiterkindern trieb er sich in den Wäldern, Höhlen und Tobeln rund um Gibswil herum. Mangels Kindergartens sehr früh eingeschult, hatte der heutige Schriftsteller ausgerechnet im Schreiben miserable Noten.
«Es war der strenge Lehrer, der uns wilde Fabrikarbeiterkinder auf Vordermann brachte», sagt Zopfi sieben Jahrzehnte später. Seine Dankbarkeit ist sichtbar. Der Lehrer sei nicht immer gerecht gewesen. Und es habe auch mal Ohrfeigen und «Tatzen» gegeben.
Doch alle seiner fünf Mitschülerinnen und Mitschüler blicken heute auf spannende Biografien zurück. «Der Lehrer lehrte uns Hände waschen und Zähne putzen, Fahrplan lesen und telefonieren.»
Von der Technik fasziniert
Weniger begeistert berichtet Zopfi über seine Zeit an der Sekundarschule in Fischenthal. «Der Lehrer interessierte sich erst am letzten Schultag für mich», sagt Zopfi leicht verächtlich. Denn erst an diesem Tag fragte der Lehrer seinen Schüler, was er denn gedenke, nach der Sek zu tun.
Zopfi stand mit abgesägten Hosen da. Keine Lehrstelle, keine Arbeit. Die Angst vor der Zukunft war bedrückend gross. Sein Vater nahm ihn nach Uster mit, zu der Zellweger AG, dem lange Jahre führenden Hersteller von Textilmaschinen und industrieller Elektrotechnik.
«Ich war der Unterste der Untersten und manche Lehrlinge waren brutal zu mir.»
Dort begann Zopfis Berufsleben als Laufjunge. Es sei ein sehr hartes Jahr gewesen. «Ich war der Unterste der Untersten und manche Lehrlinge waren brutal zu mir», erzählt Zopfi ohne Groll. Daraufhin machte er die Lehre als Fernmelde- und Elektronikapparatemonteur. Technik faszinierte ihn. Schriftsteller zu werden, war für den jugendlichen Zopfi kein Thema. Er war sich noch nicht bewusst, dass er Schreiben kann.
Es war der damalige Mechanikerlehrling Johannes Peyer, der Zopfi zum Lesen brachte. Der spätere Schauspieler, der für namhafte Schweizer Filme vor der Kamera stand, sei sein Retter gewesen.
Zopfi hörte bei Peyer zu Hause Platten und ging mit ihm auf Skitouren. Und Peyer sagte dem drei Jahre jüngeren Zopfi: «Lies doch mal ein Buch.»
Tiefpunkt Militär
Damit war die Leidenschaft geweckt. Peyer öffnete ihm die Tür zu anderen Welten, als Zopfis einzige Perspektive darin bestand, ein Leben lang von morgens um halb sechs bis abends um sieben in der Fabrik zu schuften.
Ein Tiefpunkt erreichte Zopfis Leben im Militär. «Dummerweise habe ich nach der Rekrutenschule noch weitergemacht und wurde Korporal», so Zopfi. Er sei komplett überfordert gewesen mit seiner Rolle als Materialchef.
Da wusste er, dass er etwas ändern muss und beschloss, die Aufnahmeprüfung für das Technikum zu absolvieren. Zopfi vermutet rückblickend, dass er die Prüfung dank seines Aufsatzes bestand.
Endlich Schriftsteller
Zopfi begriff, dass er Talent für die Schriftstellerei hatte, doch zunächst machte er am Technikum seinen Abschluss mit Bestnote. «Vom Tiefpunkt im Militär ging es direkt zum Höhepunkt am Technikum», sagt Zopfi lachend.
Einige Jahre später arbeitete er Teilzeit und schrieb nebenher. Erste Erfolge als Schriftsteller stellten sich ein und Zopfi gewann seinen ersten Preis. Der langsam spriessende Keim begann endlich zu gedeihen. Ihm wurde klar, dass er auch als Schriftsteller seine Brötchen verdienen kann, kündigte seine Stelle und machte sich selbständig.
In seinen Werken spiegelt sich an zahlreichen der autobiografische Bezug. Alpinismus und Bergsteigen, für einen Extremkletterer wie Zopfi naheliegend. Aber auch den Fragen nach Heimat und Heimatgefühl geht er in seinen Büchern nach – genauso wie dem Unfalltod seiner Mutter, der ihn im Alter von acht Jahren prägte.
(Ursi Grimm)
