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«Ich versuche, am Leben im Gehörlosendorf teilzunehmen»

Marc Basler ist seit Mai neuer Leiter im Gehörlosendorf in Turbenthal. Bei seinem Stellenantritt hat er eine funktionierte Institution vorgefun – doch auch einige Unsicherheiten, erklärt er im Interview.

Marc Basler ist der neue Leiter des Gehörlosendorfs., Er möchte, dass das Gehörlosendorf als Dorf im Dorf wahrgenommen wird., Mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz kommen viele Herausforderungen auf die Institution zu.

Fotos: PD

«Ich versuche, am Leben im Gehörlosendorf teilzunehmen»

Herr Basler, seit Mai leiten Sie das Gehörlosendorf in Turbenthal. Ihre Vorgängerin Annette Kahlen musste letzten November gehen, dazwischen war ein Interimsleiter am Drücker. Wie war Ihr Einstieg unter diesen Bedingungen?
Marc Basler: Ich habe viele motivierte und engagierte Personen angetroffen und war begeistert von der Qualität, die ich antraf. Unruhe herrschte nicht, obwohl man das fast erwarten musste. Natürlich spürt man, dass trotz allem eine gewisse Unsicherheit da ist. Das ist normal, wenn jemand von aussen eine Stelle als neuer Gesamtleiter antritt. Da fragt man sich: «Wer ist das, was will er, wo geht es hin?»

Sie stellen die Frage gleich selber: Was wollen Sie mit dem Gehörlosendorf?
Es ist eine spezielle Institution, ein Dorf im Dorf. Mir ist es deshalb wichtig, das Gehörlosendorf als Teil des sozialen Lebens in Turbenthal zu verankern und wieder näher an die Bevölkerung zu bringen. Darüber hinaus kommen einige Veränderungen auf uns zu, für die wir gewappnet sein müssen.

Und die wären?
Es gab eine Gesetzesänderung, die Einfluss auf die Finanzierung von Institutionen wie dem Gehörlosendorf hat. Neu erhalten wir nicht mehr als Institution das Geld für unsere Dienstleistungen, sondern unsere Klientinnen und Klienten, die uns für Leistungen bezahlen. So will es das neue Selbstbestimmungsgesetz. Es ermöglicht im Kanton Menschen mit Behinderungen so weit wie möglich selbst zu bestimmen, wo und wie sie wohnen und von wem sie betreut werden.

«Na türlich müssen wir uns immer die Frage stellen: Fehlen uns Angebote? »

Was bedeutet das für das Gehörlosendorf? Das heisst für uns, dass wir weiterhin ein attraktives Angebot bieten, das gefragt ist. Die Gesetzesänderung bewegt uns dazu, dass wir ihren Interessen noch mehr Beachtung schenken und uns immer bewusst machen, dass ihre Bedürfnisse im Zentrum stehen.

Ist das Gehörlosendorf bereit für diese Umsetzung?
Ja, das sind wir. Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem speziellen Wohnsetting und unserem Angebot bereits jetzt sehr attraktiv sind. Bei uns leben die Bewohnerinnen und Bewohner nicht in Wohngruppen, sondern in eigenen Studios. Und gegessen wird im dorfeigenen Restaurant. Ich denke, auch mit unseren Arbeitsangeboten sind wir gut aufgestellt. Aber natürlich müssen wir uns immer die Frage stellen: Fehlen uns Angebote?

Und wie finden Sie das heraus?
Wir beginnen im Herbst einen grösseren Strategieprozess, zusammen mit dem Stiftungsrat. Natürlich kann ich noch nicht sagen, was daraus wird. Hier geht es vor allem um die Ausrichtung unserer Institution. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns mehr und mehr als Kompetenzzentrum für Hörbehinderung etablieren wollen. Aber wir streben nicht einfach Wachstum an, es geht nicht um Umsatzsteigerung sondern primär um die Qualität.

« Am Mittag esse ich normalerweise im Restaurant und setze mich an irgendeinen freien Tisch. »

Haben Sie als neuer Leiter denn bereits eine konkretere Vorstellung oder Vision?
Wir sind eine tolle und lässige Institution mit Charme, das wollen wir heute, morgen und auch übermorgen bleiben. Natürlich müssen wir die kommenden Herausforderungen, die beispielsweise mit dem Selbstbestimmungsgesetz kommen, meistern. Doch ich möchte unabhängig davon mit viel Weitsicht und Umsicht in die Zukunft gehen – und das zusammen mit dem Personal wie auch unseren Klientinnen und Klienten.

Haben Sie in Ihrem Alltag überhaupt Zeit, sich mit ihren Angestellten oder den Bewohnerinnen und Bewohnern auszutauschen?
Ich habe primär einen Bürojob, doch ich versuche so viel wie möglich am Leben im Gehörlosendorf teilzunehmen. Am Mittag esse ich normalerweise im Restaurant und setze mich an irgendeinen freien Tisch. So komme ich stets mit allen in Kontakt. Und ich lerne auch immer wieder neue Gebärden.

Wie viel Gebärdensprache können Sie schon?
Noch nicht allzu viel, aber immer mehr. Ich besuche auch einmal wöchentlich unseren internen Kurs, um die Gebärdensprache zu erlernen.

Zur Person: Marc Basler (43) ist seit Mai Leiter des Gehörlosendorfs in Turbenthal. Der studierte Betriebsökonom ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Vor seinem Stellenantritt in Turbenthal leitete er unter anderem ein Alters- und Pflegeheim in Winterthur.

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