So erlebte ein ehemaliger Schüler den Lehrer Dieter Schindler
Weit weg von der Norm. Dafür nahe bei seinen Schülerinnen und Schülern. So habe ich Dieter Schindler in den frühen 1990er-Jahren an der Kantonsschule Wetzikon als Geschichts- und Klassenlehrer erlebt.
In bunten Jeans – lila mochte er offensichtlich besonders – und gelb-schwarzen Shirts im Biene-Maya-Look stand er jeweils da. Ein verschmitztes Grinsen im Gesicht, als ob er das, was er gerade erzählt, selber nicht ganz ernst nimmt. Dabei war er stets top vorbereitet. Vor allem aber war er immer für eine Überraschung gut.
«Damit Ihr mich besser kennenlernt, möchte ich Euch einige meiner Lieblingsplatten vorspielen.»
Dieter Schindler, ehemaliger Rektor und Lehrer an der KZO.
Etwa, als im Unterricht die Römer an die Reihe kamen. «Die Römer, das war grosses Theater, deshalb gehen wir heute auf die Studiobühne.» So führte er in das Thema Römer ein. Auf der Bühne war dann Improvisationstheater angesagt. Das war typisch Schindler.
Ein wichtiges Anliegen war ihm das Zwischenmenschliche. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich wohl fühlen. Er war nahbar. Eine seiner ersten Lektionen mit meiner Klasse machte er zur Musikstunde. «Damit Ihr mich besser kennenlernt, möchte ich Euch einige meiner Lieblingsplatten vorspielen.» Oder er lud zur Fotosession: Jede Schülerin und jeden Schüler lichtete er zunächst einzeln ab, danach folgte das klassische Gruppenfoto. «Dasselbe machen wir vor der Matura dann nochmals.»
Dieter Schindler gab der KZO ein neues Gesicht
28.06.2022

Nachruf
Dieter Schindler war 28 Jahre an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO). Beitrag in Merkliste speichern Den Lehrplan betrachtete Schindler als Leitlinie, der er aber nie stur folgte. Als Anfang 1991 der Golfkrieg ausbrach, thematisierte er das umgehend. Ebenso 1992 den Bosnienkrieg. «Aktuelle Ereignisse dieser Art gehören ebenfalls in den Geschichtsunterricht.»
Grossen Wert legte er auf den Dialog. Bei ihm durfte, ja sollte debattiert werden. Im Staatskundeunterricht beispielsweise wurden Parlamentssituationen simuliert.
«Die aufgestellten Thesen sind zwar komplett falsch, aber super begründet.»
Dieter Schindler, Klassenlehrer und Rektor an der KZO
In Prüfungen fragte er keine Daten ab sondern wollte wissen, ob wir die Hintergründe begriffen haben. Argumentieren war ihm wichtig, und auch eine gute Sprache («Jede Geschichtsstunde ist auch eine Deutschstunde»). Als ich in einer Geschichtsprüfung mal so richtig daneben lag, gab’s trotzdem eine gute Note: «Die aufgestellten Thesen sind zwar komplett falsch, aber super begründet.»
Als Lehrperson war Dieter Schindler sehr beliebt. Im letzten Jahr vor der Matura kam es mitunter vor, dass der Stundenplan spontan etwas optimiert wurde. Sprich: Wir schwänzten auch mal eine Lektion. In Schindlers Geschichtsunterricht aber waren alle wieder da. Seinen Unterricht verpassen – nö!
Einen legendären Ruf hatte das Freifach Improvisationstheater, das er zusammen mit Heinz Brunner anbot. Hier wurden Grenzen ausgelotet: Im Rahmen einer Performance gaben wir vor, für eine Werbefilmagentur auf Talentsuche zu sein und quatschten frech bei den Rolltreppen im Zürcher Löwencenter Passantinnen und Passanten an. Schindler – für einmal im schicken Sakko und mit Krawatte – gab den Fotografen.
Erstaunlicherweise liessen uns Ladendetektive und Sicherheitsdienst gewähren. Entweder war das grosser Dusel. Oder Schindler hatte vorgängig bei der Centerleitung um eine Bewilligung ersucht, weil er eben doch nicht alles dem Zufall überliess.
Quasi nebenbei regte mit seiner ungezwungenen Art ganz viele junge Menschen zum Nachdenken an – über die Gesellschaft, die Umwelt, die Politik und die Welt.
Dieses Lustvolle und Spielerische zeichnete Schindler als Mittelschullehrperson aus. Er war ein junger, unkonventioneller Lehrer, der die Aufbruchstimmung, für welche die KZO damals kantonsweit bekannt war, geradezu verkörperte. Quasi nebenbei regte mit seiner ungezwungenen Art ganz viele junge Menschen zum Nachdenken an – über die Gesellschaft, die Umwelt, die Politik und die Welt.
Dieter Schindler war als Pädagoge ein Ausnahmetalent. Wer seinen Unterricht besuchen durfte, war danach nicht nur reif für die Maturaprüfung und eine Hochschule. Sondern vor allem auch fürs Leben.
