Er verbrachte seine Kindheit im Baumer Altersheim
Otto Brändli hat es im Leben weit gebracht. Er war einer der ersten Gymnasiasten an der Kantonsschule Zürcher Oberland, studierte Medizin und wurde bereits im Alter von 34 Jahren Chefarzt der Höhenklinik Wald.
Doch als Brändli 1942 in Bauma zur Welt kam, ahnten von diesen Lebensweg wohl nun die wenigsten. Er wuchs nämlich nicht etwa im Dorf auf, sondern im heutigen Alters- und Pflegeheim Böndler. Seine Eltern Otto und Luise waren dort von 1941 bis 1978 Heimleiter.
Es seien noch andere Zeiten gewesen, erinnert sich der Arzt. «Der Böndler war noch eine Einrichtung für armengenössige ältere Leute und noch kein klassisches Altersheim.»
Das erklärt auch seine Lage ausserhalb des Dorfzentrums auf einem Hügel: «Man wollte diese Leute von der Gesellschaft und von den Wirtshäusern fernhalten.»
Die Angst vor der Tuberkulose
Die Insassen, so nannte man die Bewohner damals, mussten so lange sie es konnten auf dem anstaltseigenen Landwirtschaftsbetrieb arbeiten. Deshalb bezog der Böndler bis auf Subventionen für Bauten nie öffentliche Gelder.
Wer krank wurde, den pflegte Otto Brändlis Mutter. Für Behandlungen war zusätzlich der Hausarzt in Bauma zuständig. «Der Böndler war aber keine medizinische Einrichtung», betont Brändli. Viele Insassen lebten trotzdem bis zu ihrem Tod dort. «Es wurde akzeptiert, dass das Sterben zum Leben dazugehört.»
«Es wohnte ein ehemaliger Matrose bei uns, der hatte sogar Tattoos.»
Otto Brändli, Lungenarzt
Eigentlich sei nicht vorgesehen gewesen, dass die Insassen Kontakt mit der Familie der beiden Heimleiter hätten. Zu gross war die Sorge, die Kinder könnten sich mit Tuberkulose anstecken. Doch diese Regeln wurden kaum eingehalten.
Nachhilfe fürs Fluchen
Brändli verbrachte als Junge viel Zeit mit den Insassen und hat von ihnen allerlei gelernt: «Zum Beispiel, wie man Karten spielt und wie man flucht.» Die verschiedenen Lebensgeschichten haben ihn sehr bewegt: «Es wohnte zum Beispiel ein ehemaliger Matrose bei uns, der hatte sogar Tattoos.» Damals sei das eine Seltenheit gewesen.
Nach der sechsten Klasse verbrachte Brändli aber deutlich weniger Zeit im Altersheim. Er schaffte die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. «Ich hatte eine sehr gute Lehrerin, die mich und vier andere Schüler auf die Prüfung vorbereitet hatte.» Für die Primarschule in Bauma war das eine kleine Sensation.
«Meine Schwester machte sich grosse Sorgen, dass ich wie ein ‹Armenhäusler› aussehe.»
Otto Brändli
Die Eltern unterstützten Brändlis Ausbildung. Vor allem die Mutter sei immer an seiner Seite gewesen, betont er. «Sie weckte mich jeweils um sechs Uhr, zwang mich zu einem schnellen Frühstück und schickte mich dann um viertel nach sechs los.»
Obwohl Brändlis Eltern für die Institution zuständig waren, klebte das Stigma des Heims auch an den Kindern.
«Ich fuhr jeweils mit dem Velo zum Bahnhof in Neuthal und nahm von dort einen Zug nach Wetzikon», erinnert sich Brändli. Dabei trug er oft kurze Hosen und selbst gestrickte Strümpfe. «Meine Schwester machte sich deshalb grosse Sorgen, dass ich wie ein ‹Armenhäusler› aussehe.»
Von Zürich in die USA und nach Wald
1961 bestand er die Matura und begann danach zuerst ein Mathematikstudium. Ein Jahr später wechselte er in die Medizin. Er erhielt Stipendien, anders wäre das Studium für seine Eltern nicht tragbar gewesen.
Doch dass er seine Ausbildung abschliessen konnte, war zu diesem Zeitpunkt nicht selbstverständlich. Brändlis Vater erkrankte an Tuberkulose. «Hätte er seine Stelle als Heimleiter aufgegeben, hätte ich mein Studium abbrechen und arbeiten müssen.»
Aber sein Vater wollte weiterarbeiten – und ermöglichte so seinem ältesten Sohn die berufliche Karriere. Brändli wurde Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, forschte und arbeitete auch in den USA und wurde schliesslich Chefarzt in der Höhenklinik in Wald, wo er bis 2007 arbeitete.
Im Alter ergibt das Leben Sinn
Otto Brändli war somit weg vom Böndler. Im Gegensatz zum Rest seiner Familie. Seine Schwester Elsbeth Kohler leitete zusammen mit ihrem Mann Fritz nach der Pensionierung ihrer Eltern von 1978 bis 2008 das Altersheim.
Der acht Jahre jüngere Bruder Werner arbeitete auf dem Landwirtschaftsbetrieb und später bis zu seiner Pensionierung als Hauswart im Böndler.
Im Alter beschäftigte sich Otto Brändli nun aber erneut mit der Institution, wo er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte. Er schrieb ein Buch über die Geschichte des Böndlers mit dem Titel «Aufgewachsen im Altersheim».
«Wenn man jung ist, hängt man ständig in den Seilen.»
Otto Brändli
Dabei hat sich der Lungenarzt aber nicht nur mit historischen Dokumenten auseinandergesetzt. Er hat auch seine Erlebnisse und die von sieben weiteren Menschen niedergeschrieben, die wie er im Altersheim aufgewachsen sind. Darunter seine Geschwister sowie Nichten und Neffen.
Das Schreiben im Alter habe eine spezielle Wirkung, ist Brändli überzeugt: «Wenn man jung ist, hängt man ständig in den Seilen. Im Alter ergibt das ganze Leben dann auf einmal einen Sinn, wenn man darüber schreibt und es sich damit noch einmal vor Augen führt.»
Das Buch von Otto Brändli «Aufgewachsen im Altersheim – Alters und Pflegeheim Böndler in Bauma» kann für 35 Franken plus Porto auf der Website www.buchland.ch oder per Telefon unter 055 246 30 35 bei Therese Brändli bestellt werden.
Am Samstag, 30. April, stellt Otto Brändli sein Buch um 10 Uhr im Tagestreff des Alters- und Pflegeheims Böndler in Bauma vor.
