Wenn der Gentleman die Lady zum Walzer auffordert
Die Viert- und Fünftklässler aus dem Schulhaus Risi sind am Donnerstagabend nicht wiederzuerkennen. T-Shirt und bequeme Hosen haben sie gegen Anzug und Abendkleid getauscht. Die Mädchen tragen alle ein rotes Haargummi in Form einer Blume, die Knaben eine rote Fliege.
Der Grund für diese Aufmachung: Der Abschlussball des Projekts «Dancing Classroom». Zu Deutsch: tanzendes Klassenzimmer.
«Innerhalb von zehn Wochen haben die Schülerinnen und Schüler neun verschiedene Paartänze gelernt», erklärt Stefania Forgione. Sie ist Tanzlehrerin beim Verein «Dancing Classroom» und hat dieses Jahr die Turbenthaler Schülerinnen und Schüler unterrichtet.
Mit Körperkontakt
Beim Projekt gehe es nicht primär darum, dass die Schülerinnen und Schüler zu perfekten Tänzern werden. Im Vordergrund stehe der Teamgeist und der gegenseitige Respekt.
«Jeder tanzt mit jedem, mit Körperkontakt», betont Forgione. «Beim Tanzen sind die Kinder schliesslich Ladys und Gentlemen.» So bezeichnet sie ihre jungen Tänzerinnen und Tänzer.
«Es gibt keine Regeln. Wer kein Hemd tragen will, nimmt halt ein weisses T-Shirt.»
Stefania Forgione, Tanzlehrerin bei «Dancing Classroom»
Um beim feierlichen Ball gut auszusehen, hat es einige Wochen vor dem grossen Tag einen sogenannten «Styling Day» gegeben. «Dann kommen die Kinder so angezogen in die Schule, wie am Abschlussabend», sagt die Tanzlehrerin.
Auch bei der Kleidung spielt der Teamgeist eine zentrale Rolle: «Es ist nicht das Ziel, dass Familien grosse Anschaffungen tätigen», erklärt Forgione. Man könne tauschen oder Dinge ausleihen. «Es gibt keine Regeln. Wer kein Hemd tragen will oder kann, nimmt halt ein weisses T-Shirt.»
Zum Tanz auffordern
Am Donnerstagabend dürfen die Schülerinnen und Schüler ihr Können schliesslich ihren Eltern, Geschwistern und Freunden zeigen. Wie bei einem Ball ziehen die Kinder schön gekleidet und Hand in Hand in die Turnhalle der Schule Risi ein.
Im Anschluss präsentieren sie die neun verschiedenen Tänze. Von Swing über Rumba und Tango bis zu Line Dance. Auch der Walzer darf nicht fehlen.
Nach jedem Tanz wird der Partner gewechselt. «Alle tanzen mit allen» lautet auch am Abschlussabend das Motto. Dazu gehört zudem, dass die Jungen die Mädchen jeweils auffordert.
Zur Auflockerung gibt es nach jedem Tanz ein kurzes Zwischenprogramm. Die Schülerinnen und Schüler haben sich hierfür Dinge ausgedacht, die zum Thema passen: So müssen die Eltern die Namen von Tänzen erraten oder die Kinder zeigen ein kurzes Theaterstück über eine Tanzlektion.
Bei den einzelnen Tänzen gibt Lehrerin Stefania Forgione noch einige Anweisungen. Die Konzentration steht den Kindern dabei ins Gesicht geschrieben. Doch die meisten Schritte passen, die Kinder haben in den Tanzlektionen fleissig geübt.
«Es gibt mir einfach ein schönes Gefühl, auch wenn es manchmal etwas stressig ist.»
Aylin, Viertklässlerin aus Turbenthal
Am Ball überwiegt aber vor allem die Freude: «Tanzen macht mir sehr viel Spass», meint zum Beispiel die Viertklässlerinnen Nóra. Ihre Kollegin Aylin ergänzt: «Es gibt mir einfach ein schönes Gefühl, auch wenn es manchmal etwas stressig ist.»
Am liebsten tanzen die beiden Polka. «Denn dort ist der Schritt so lustig», sagt Aylin und die beiden zeigen sofort vor und erklären: «Ferse-Spitze-Ferse-Spitze.»
Am Pulli festhalten
Die Schüler von Klassenlehrer Sócrates Benjamim haben ebenfalls Freude am etwas anderen Unterricht gehabt. Vor der ersten Stunde seien einige seiner Vierklässler aber etwas nervös gewesen.
«Das gemeinsame Tanzen, alle mit allen, hilft dem Zusammenhalt.»
Ayline Metzger, Klassenlehrerin an der Primarschule Risi
«Zu Beginn haben sich auch noch nicht alle getraut, miteinander zu tanzen», sagt er lachend. «Die einen haben den Pulli nach vorne gezogen und sich dann so gehalten.»
Auch Ayline Metzgers Viert- und Fünftklässler seien zunächst etwas skeptisch gewesen. «Aber jetzt haben alle viel Spass beim Tanzen.» Sie ist davon überzeugt, dass ihre Klasse vom Projekt profitieren kann. «Das gemeinsame Tanzen, alle mit allen, hilft dem Zusammenhalt.»
