«Lieber König im eigenen Land als Bettler auf der ganzen Welt»
Dabu Bucher, Sie sind in Mönchaltorf aufgewachsen, doch leben jetzt schon seit Jahren in der Stadt Zürich. Was verbinden Sie noch mit dem Dorf?
Dabu Bucher: Ich habe fast keine Verbindung mehr zu dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, abgesehen von meinen Eltern, die noch hier wohnen. Oder die Dorfmetzgerei, die auch schon eine Wurst nach mir benannt hat. Ich befinde mich in letzter Zeit aber oft gedanklich in Mönchaltorf, wenn ich einen Song schreibe.
Weshalb haben Sie den Gasthof «Löwen» als Treffpunkt vorgeschlagen?
Ich konnte es damals kaum erwarten, dem Dorfleben zu entfliehen und in die Stadt zu ziehen. Ich muss leider zugeben, dass ich mich deshalb damals für etwas Besseres gehalten habe. Aus heutiger Sicht und mit mehr Distanz, nehme ich das Dorfleben mit seinen Vereinen und Beizen wieder als absolut ebenbürtig wahr.
Der «Löwen» wird ausdrücklich im neuen Song «Männerchor und Frauechor» erwähnt, wenn es heisst: «Si träffed zwar nöd alli Tön, aber träffed sich au da im Leue uf en Wii». In diesem Lied erzähle ich liebevoll von einer Welt, wie ich sie aus dem Dorf kenne. Dem Dorf, wo man eben auch in Vereinen ist, um nach der Probe noch zusammen einen trinken zu gehen. Beispielsweise hier im «Löwen».
Nicht nur in «Männerchor und Frauechor» spielt der Chorgesang eine Rolle. Er hat auch den Stil des neuen Albums «So Easy» beeinflusst.
Ich erinnere mich daran, dass ich zufällig den Song «When I need a friend» von Coldplay gehört habe. Er ist mir durch seine Art so nahe gegangen, dass mir unterwegs plötzlich die Tränen gekommen sind. Wohl auch, weil es mich an Chorkonzerte meiner Mutter erinnert hat. Ich wollte dieses Konzept unbedingt im Schweizerdeutschen ausprobieren. Im Moment ist das ein geiler Spielplatz für mich, auf dem ich mich gerne noch ein wenig länger austoben möchte.
Ihre Musik wird immer mal wieder von neuen Stilrichtungen beeinflusst, jedoch sind sie immer bei Mundart geblieben. Wollten Sie nie Englische Lieder schreiben?
In der Sekundarschule habe ich versucht, Lieder auf Englisch zu schreiben. Aber leider war meine Grammatik zum einen so schlecht und zum andern konnte ich mich in der Fremdsprache nicht auf dieselbe Weise ausdrücken, wie ich es in meiner Muttersprache kann. Wie soll man denn « Gömmer uf es Bier » sagen? Mundart ist für mich Heimat. Sie erzählt nicht nur von der Umgebung, sondern auch von unserer Gesellschaft.
«Als Zuhörer habe ich gemerkt, wie gut das eigene Lied doch funktioniert.»
An Konzerten spüre ich bei Liedern, wie « Miin Ort » oder « Männerchor und Frauechor » , wie sehr Mundartmusik berühren kann. Das hat für mich persönlich einen grossen Wert. Ausserdem müsste ich mich, wenn ich auf Englisch singen würde, mit vielen grossen Künstlerinnen und Künstlern messen. Deshalb sage ich mir: Lieber König im eigenen Land, als Bettler auf der ganzen Welt.
«Angelina» ist Ihr grösster Hit aus dem Jahr 2016 und somit schon über fünf Jahre alt. Ist der Druck gross, wieder ein ähnlich erfolgreiches Lied zu erschaffen?
Den Druck, neue Hits zu liefern, spüren wir schon, seitdem das erste Mal Lieder von uns im Radio gespielt wurden. Zum Beispiel dachten wir, dass wir mit dem Titel «Lied» aus unserem letzten Album einen riesigen Erfolg landen würden. Doch dem war nicht so und da ist mein Kartenhaus zusammengebrochen. Mittlerweile konnte ich mir eingestehen, dass ein grösserer Hit als «Angelina» kaum mehr möglich ist, weil der so gross ist.
Man sieht Sie momentan in der Fernsehsendung «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert», wo Ihre Lieder von anderen Künstlerinnen und Künstler gecovert werden. Wie ist es, die eigenen Lieder zu hören anstatt diese zu performen?
Ich empfinde es als Wertschätzung, wenn meine Lieder von anderen Künstlern, die ihr Handwerk beherrschen, präsentiert werden. Während längerer Zeit befassen wir uns mit der Produktion eines Songs, weshalb ich sie mir später nicht mehr anhöre. Hier war es so, dass ich gerade als Zuhörer gemerkt habe, wie gut das eigene Lied doch funktioniert.
Dazu kommt, dass man während der Dreharbeiten der Sendung lange Abende hat und dadurch emotionaler wird. Ich schaue mir die Folgen jetzt auch im Fernseher an, da die Dreharbeiten schon im Herbst letztes Jahr stattgefunden haben und bin überrascht, dass das Erlebnis noch gleich intensiv ist.
Nach Ihrer Folge wurde zusätzlich ein Dokumentarfilm über die Höhenpunkte und Misserfolg Ihrer Karriere ausgestrahlt, in der Sie unter anderem über Depressionen sprechen.
Eins meiner liebsten Zitate ist von Max Frisch. Er hat gesagt: Schreiben heisst, sich selbst zu lesen. Man erfährt darum eigentlich mehr über mich, wenn man sich unser neues Album anhört, als wenn man sich die Dokumentation über mich anschaut. Hinzu kommt, dass eine Stimme sehr viel aussagt. Das merkt man ja schon, wenn man am Telefon gleich hört, wie es dem Gegenüber geht. Darum steht man sowieso «nackt» da, wenn man singt. Aus diesen Gründen hatte ich auch kein Problem damit, in dieser Doku so offen und ehrlich zu sein.
Was ist ihr grösster Erfolg?
Dass ich heute das bin, was ich mit neun Jahren angefangen habe zu träumen. Mein anderer Erfolg ist es, dabei kein Arschloch geworden zu sein.