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Gesellschaft

Die besondere Freundschaft einer Geflüchteten und einer Schweizerin

Die Afghanin Sakine Ahmadi flüchtet 2015 in die Schweiz - und landet in Wald. Dort trifft sie dank dem Tandem-Projekt «Zäme da» auf die Schweizerin Dodo Karrer. Die beiden Frauen bauen eine besondere Freundschaft auf, die bis heute anhält.

Die 2015 aus Afghanistan geflüchtete Sakine Ahmadi und die Koordinatorin Dodo Karrer verbinden viele gemeinsame Erlebnisse.

Bild: Roger Hofstetter

Die besondere Freundschaft einer Geflüchteten und einer Schweizerin

Sakine Ahmadiund die Koordinatorin der reformierten Kirchgemeinde Wald, Dodo Karrer, sitzen gemeinsam an einem Tisch im ehemaligen Pfarrhaus an der Sanatoriumstrasse 20. Sie kennen sich seit über fünf Jahren, dennoch fällt die Verständigung auf Deutsch manchmal noch etwas schwer. Verstehen tun sie sich aber trotzdem mehr als nur gut.

Odyssee bis in die Schweiz

Die 45-jährige Afghanin Sakine Ahmadikam 2015 während der grossen Flüchtlingskrise in die Schweiz. Bis hierhin war es ein langer Weg voller Strapazen. «Wo wir überall durchmarschiert und per Schiff oder Autostopp gereist sind, kann ich gar nicht mehr genau sagen», meint Ahmadi. Ihre Reise voll von Entbehrungen und Anstrengungen sei durch flache Gebiete, dichte Wälder und über Berge gegangen. «Wir durchquerten unter anderem Länder wie den Iran, die Türkei und Griechenland.»

«Über eine Stunde lang habe ich gedacht, dass er im Meer ertrunken ist.»

Sakine Ahmadi, Geflüchtete Afghanin

Das prägendste Ereignis der Reise wird Ahmadi jedoch nie vergessen. Sie und ihre Kinder befanden sich nachts einmal mit 73 Personen über vier Stunden lang auf einem Boot, wo bei sie eines ihrer fünf Kinder, den jüngsten Sohn, im Durcheinander plötzlich nicht mehr finden konnte. «Über eine Stunde lang habe ich gedacht, dass er im Meer ertrunken ist.» Danach sei er nach langen Augenblicken der Panik wie aus dem Nichts wieder zwischen anderen Flüchtlingen aufgetaucht.

Auf Anhieb harmonisch

Im Dezember 2015 in der Schweiz angekommen, ging es für Ahmadierst einmal darum, Fuss zu fassen und sich und ihre Kinder möglichst schnell in die hiesigen Gegebenheiten zu integrieren. Auf diesem Wege sollte sie schon bald Dodo Karrer kennenlernen.

«Es hat auf Anhieb funktioniert, wenn es auch noch viele Barrieren zu überwinden und Aufgaben zu lösen gab.»

Dodo Karrer, Koordinatorin der Kirchgemeinde Wald ZH

«Die Gemeinde suchte in Zusammenarbeit mit der Asylorganisation Zürich nach Freiwilligen, die Flüchtlinge im Alltag unterstützen würden und ich sagte sofort zu», sagt Karrer. Im Herbst 2016 fand schliesslich das erste Treffen zwischen der FamilieAhmadi und Dodo Karrer statt. «Es hat auf Anhieb funktioniert, wenn es auch noch viele Barrieren zu überwinden und Aufgaben zu lösen gab», meint Karrer.

Anpassung ist notwendig

Mittlerweile spricht Sakine Ahmadi ein solides Deutsch, das sie sich einerseits im Austausch mit Dodo Karrer sowie in Deutschkursen angeeignet hat, die zweimal pro Woche stattfinden. Die Sprache betrachten beide als den wichtigsten Grundstein, um sich zu integrieren. «Wenn ich mit den Leuten sprechen kann, entstehen erst Verbindungen und das Misstrauen schwindet eher», meint Ahmadi.

«Wenn man als Flüchtling im Denken seines Heimatlandes verharrt, dann kommt man nicht weiter.»

Sakine Ahmadi, Geflüchtete Afghanin

Als nächstes spricht sie von Denkmustern, die sie erst ablegen musste. «Wenn man als Flüchtling im Denken seines Heimatlandes verharrt, dann kommt man nicht weiter», so Ahmadi. Natürlich müsse man die eigene Kultur und Herkunft nicht vollständig ablegen oder verleugnen, doch sei es wichtig sich anzueignen, wie Schweizer denken, um sich an die neue Umgebung anzupassen.

Sakine Ahmadi und Dodo Karrer auf der Terrasse des alten Pfarrhauses in Wald, wo sie sich ab und an zu Gesprächen treffen.

Vielseitige Unterstützung

Mittlerweile wohnt Ahmadi mit ihren fünf Kindern in einem alten Haus in Wald. Ihre drei jüngsten Kinder besuchen noch die Schule, die zwei älteren absolvieren bereits eine Lehre. Karrer war jeweils bei den Vertragsunterzeichnungen dabei. «Ohne Dodo hätten sie wohl nicht so schnell eine Lehrstelle gefunden», sagt Ahmadi in einem spürbar dankbaren Ton und fügt hinzu: «Meine Kinder haben nun zwei Mütter – eine Schweizerin und eine Afghanin.»

«Es geht im Allgemeinen um alltägliche Aufgaben wie Kontakte mit Vermietern, der Schule, Hausaufgabenunterstützung der Kinder oder wie man den Abfall korrekt entsorgt.»

Dodo Karrer, Koordinatorin der Kirchgemeinde Wald ZH

Gerade bei solchen Aufgaben, die mit Dokumenten und Kontakten verbunden sind, benötigen Flüchtlinge Hilfe. «Es geht im Allgemeinen um alltägliche Aufgaben wie Kontakte mit Vermietern, der Schule, Hausaufgabenunterstützung der Kinder oder wie man den Abfall korrekt entsorgt», erklärt Karrer.

Zu Beginn ihrer Bekanntschaft sei es auch ab und an anstrengend gewesen. «Ich wurde manchmal auch abends von den Kindern angerufen und um Hilfe gebeten», so Karrer. Zudem sei sie mindestens einmal pro Woche bei der Familie Ahmadi zuhause gewesen und habe sie bei den verschiedensten Problemen unterstützt, die im Alltag so anfallen.

Kontakt hält an

«Nun ist der Kontakt zwar nach wie vor eng, beschränkt sich aber eher auf Telefonate und die Familie ist nicht mehr so bedürftig wie zu Beginn ihrer Ankunft», sagt Karrer. Anfangs habe sieSakine Ahmadiöfters herumgefahren und zu Terminen begleitet. Mittlerweile wisse sie, wie man alleine zurechtkommt und ein Billett löst. Für die Kinder habe sich die Integration rein altersbedingt und durch die Schule einfacher gestaltet.

«Meine Kinder lieben afghanische Speisen und ich glaube für ihre ganze Entwicklung war es wertvoll, sich einer fremden Kultur durch den Austausch mit Kindern aus einem anderen Herkunftsland anzunähern.»

Dodo Karrer, Koordinatorin der Kirchgemeinde Wald ZH

Diesbezüglich habe sich ihr Einsatz mehr als nur gelohnt. «Auch meine drei Kinder kennen die Familie sehr gut», so Karrer. Gemeinsam habe man schon Ausflüge wie in den Zoo oder zum Schlittschuhlaufen gemacht und gegenseitig die unterschiedlichen Essenskulturen kennengelernt. «Meine Kinder lieben afghanische Speisen und ich glaube für ihre ganze Entwicklung war es wertvoll, sich einer fremden Kultur durch den Austausch mit Kindern aus einem anderen Herkunftsland anzunähern.»

Was ein «Tandem» bewirken kann

Bei dem Projekt «Zäme da» handle es sich um wirkliche Integrationsunterstützung. «Integration ist ein grosses Wort, das gerne ausgesprochen und vor allem mit Formalitäten in Verbindung gebracht wird», sagt Karrer. In einem sogenannten Tandem werde an der Basis gearbeitet und durch die enge Begleitung wirkliche sowie erfolgreiche Integration betrieben.

«Es geht primär auch darum, Brücken zu bauen, wie ich es zum Beispiel mit einem Nachbarn der Familie Ahmadi gemacht habe.»

Dodo Karrer, Koordinatorin der Kirchgemeinde Wald ZH

«Es geht primär auch darum, Brücken zu bauen, wie ich es zum Beispiel mit einem Nachbarn der FamilieAhmadigemacht habe», so Karrer. Dieser sei nach dem Einzug der Familie etwas misstrauisch gewesen, da zuvor andere Flüchtlinge in diesem Haus wohnten, die nicht gerade positiv auffielen. «Mittlerweile isst er im Sommer regelmässig mit der Familie im Garten und an Weihnachten bringt er Guetzli vorbei.»

Das Tandemprogramm «Zäme da» ist Teil der spezifischen Integrationsförderung des Kantons Zürich und wird im Rahmen des neuen Fördersystems für Geflüchtete (IAZH) umgesetzt. Trotz vieler bereits bestehenden «Tandems» werden nach wie vor Freiwillige aus der Bevölkerung gesucht. In diesem Zusammenhang findet am Donnerstag, 17. Februar von 19.30 bis 20.30 Uhr in der Windegg, an der Windeggstrasse 3 in Wald ZH, ein Informationsanlass statt. Weitere Anlässe und Informationen unter www.zaeme-da.ch .

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