Sie sortiert in Rüti «gefährliche» Rekruten aus
Alain (Name geändert) bezeichnet sich als «friedliebend» und «umgänglich». Der Zürcher hat eine vierjährige Lehre als Biologielaborant hinter sich. Nun möchte er dem Vaterland dienen und in die Rekrutenschule einrücken.
Doch ein Sicherheitscheck der Armee wird ihm zum Verhängnis. Sogenannte Risk-Profiler sind beim Laboranten auf dunkle Flecken in der Vergangenheit gestossen.
Drei Jahre vor seiner Rekrutierung ging er mit einer 12-Zentimeter-Klinge auf seinen Bruder los. Eineinhalb Jahre später mit einem Sushimesser auf seinen Vater. Zwischen den Messerattacken wurde Alain mehrfach wegen Betäubungsmitteldelikten verurteilt und sass in Untersuchungshaft. Er kiffte, verkaufte Gras, besass Haschisch und Ecstasy-Pillen.
Für die Profilerinnen steht fest: Alain könnte für sich oder andere eine Gefahr sein, wenn er eine Armeewaffe in die Hände kriegt. Sie erlassen eine sogenannte Risikoerklärung, die Armee verwehrt ihm den Dienst.
Stephanie Scherrer ist die Chefin der sogenannten Personensicherheitsprüfungen im Rekrutierungszentrum Rüti. Seit fast neun Jahren arbeitet sie bei der entsprechenden Fachstelle des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS).
«Wir sorgen dafür, dass es keinen Missbrauch der Waffe gibt und niemand dadurch zu Schaden kommt», sagt die 35-Jährige.
Rund 50 Risk-Profilerinnen und -Profiler durchleuchten einerseits das Leben von Angestellten der Bundesverwaltung und von Drittfirmen, andererseits das von jährlich Tausenden Stellungspflichtigen.
Jährlich 300 Stellungspflichtige zu gefährlich
Wir spulen 15 Jahre zurück. Luis W. wird gerade aus der Rekrutenschule entlassen. Der Rekrut fährt nach Hause an den Hönggerberg, holt eine zuvor in der RS geklaute Patrone, lädt sein Sturmgewehr und versteckt sich auf einem nahe gelegenen Hügel.
Der 21-Jährige zielt auf die Haltestelle, wo die 16-jährige Coiffeuse-Lehrtochter Francesca P. auf den Bus wartet. Er kennt sie nicht. Er schiesst. Francesca P. stirbt wenige Minuten später.
Nach der Tat stellt sich heraus, dass der Soldat im Dienst auch eine Armeepistole gestohlen hatte. Zudem war Luis W. wegen Brandstiftung, Diebstahl und Körperverletzung bereits vorbestraft.
Der Fall Hönggerberg markiert eine Zäsur. Seither werden alle angehenden Rekrutinnen und Rekruten einem gründlichen Background-Check unterzogen.
Knapp 2300 wurden dadurch ausgemustert. Das zeigen Zahlen, die dieser Zeitung exklusiv vorliegen. Jährlich sind es im Schnitt 300, die potenziell eine Gefahr darstellen. Das ist rund ein Prozent der total über 30’000 Personensicherheitsprüfungen, die die Profiler pro Jahr durchführen.
(Grafik: TA)
So verwehrte die Armee gleich wie Alain den Dienst auch Boris (Name geändert), weil er im zivilen Leben einem Opfer mehrfach ins Gesicht schlug, es mit dem Tod bedrohte und etliche Verkehrsregeln brach. Oder Marc (Name geändert), weil er betrunken auf dem Töffli erwischt wurde, illegal eine Waffe besass und diese in einer Prügelei zückte.
Doch wie finden die Profiler die potenziell Gefährlichen? Die Chefin Stephanie Scherrer gibt erstmals Einblick.
Jugendkriminalität zeichnet sich direkt ab
Die erste von drei Prüfstufen beginnt, noch bevor der Stellungspflichtige im Rekrutierungszentrum aufkreuzt. Die Risk-Profilerinnen klappern Datenbanken und Register nach ihm ab – etwa den Nationalen Polizeiindex, wo Polizeidaten des Bundes und der Kantone zusammenfliessen.
Benötigen sie mehr Akten und Informationen, holen sie diese in einem zweiten Schritt bei zuständigen Stellen ein. Wittern die Profiler ein Risiko, wird der Stellungspflichtige zu einer Befragung geladen, rund 850 sind es im Jahr.
«Diese Prüfungen umfassen ein gesamtes Paket an Aspekten», hält Scherrer während unseres Besuchs in Rüti fest. Der Druck, kein sicherheitsrelevantes Detail zu übersehen, ist hoch. Doch sie ist überzeugt: «Das Risiko, dass wir etwas Wesentliches übersehen, ist sehr klein.
Wir betrachten Daten aus verschiedenen Quellen, und es befassen sich mehrere Leute mehrfach mit einem Dossier.» Die Datenbankabfragen sind zudem automatisiert, «das reduziert die Fehlerquote».
Eine wichtige Quelle, um potenziell gefährliche Anwärter zu finden, sind Akten der Strafbehörden. Dort zeichne sich in den letzten Jahren die steigende Jugendkriminalität direkt ab, erzählt Scherrer.
«Wir sehen in den Strafbefehlen beispielsweise, dass bei körperlichen Auseinandersetzungen mehr Waffen im Spiel sind, häufig Messer.» Auch treffen die Profiler seit einigen Jahren vermehrt auf Stellungspflichtige, die sich religiös radikalisiert haben. Oder illegal pornografische und gewalttätige Bilder und Videos verschicken.
Vom Kiffen bis zum Wald-Littering
Häufig sind es auch Vergehen, die nicht direkt mit Gewalt im Zusammenhang stehen, die zum Risikofaktor werden. Etwa Betäubungsmitteldelikte. Dies zeigt beispielhaft der Fall von Silvan (Name geändert), der sich mit einer Beschwerde gegen seinen Ausschluss aus der Armee wehrte.
Silvan besass und konsumierte illegal Marihuana und wurde mehrmals dafür verurteilt. Die Risk-Profilerinnen stossen auch auf eine Verletzung des Abfallgesetzes. Silvan liess Pizzaschachteln und Bierflaschen im Wald liegen.
Die Armee will ihn nicht zur Rekrutenschule zulassen, doch Silvan verteidigt sich. Die Arbeit mit geistig beeinträchtigten Menschen habe ihm die Augen geöffnet. Er wolle dem Vaterland in Form des Dienstes etwas zurückgeben, steht in seiner Beschwerde.
Der Dienst wird ihm trotzdem verwehrt. Die Profiler begründen unter anderem mit mangelnder Integrität. Trotz einer Verurteilung habe Silvan ein Jahr später wieder regelmässig Marihuana geraucht.
«Es sind keine Entscheidungen, die wir aus dem Bauch heraus fällen.»
Stephanie Scherrer, Chefin Personensicherheitsprüfung im Rekrutierungszentrum Rüti
Aber reichen solche Vergehen, um einem jungen Mann potenzielle Gefährlichkeit zu unterstellen?
Oft sind mangelnde Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit Gründe, warum die Prüferinnen den Stellungspflichtigen keine Waffe überlassen wollen. Dies zeigt sich etwa auch bei Paul, wie wir ihn nennen.
Er sass als Jugendlicher ohne Führerschein am Steuer und verstiess etliche Male gegen Verkehrsregeln. Paul will mithilfe eines verkehrspsychologischen Gutachtens trotzdem einrücken. Erfolglos. Die Profiler argumentieren, der Verkehrssünder habe ein vermindertes Gefahrenbewusstsein.
«Es sind keine Entscheidungen, die wir aus dem Bauch heraus fällen», rechtfertigt Scherrer die Beurteilungen. «Wir haben Aus- und Weiterbildungen in den Bereichen Psychologie, Kriminologie, Rechtswissenschaften und ein langjähriges Erfahrungswissen. Aber letztlich sind es Prognosen. Ob sie zutreffen oder nicht, wissen wir heute nicht hundertprozentig.»
«Das Gefährlichste, was die Evolution hervorgebracht hat, sind junge Männer»
Schon mehrfach haben sich ausgemusterte Stellungspflichtige Jahre später an Jérôme Endrass, Professor für forensische Psychologie, gewandt. Sie erhoffen sich von Endrass ein Gutachten, um wieder Waffen bedienen zu dürfen.
«Viele wollen in einen Schützenverein, im Sicherheitsbereich arbeiten oder fühlen sich sonst durch die Risikobeurteilung benachteiligt.» Doch es brauche viel, um eine vergangene Risikobeurteilung zu übersteuern, sagt Endrass, der Vizedirektor des Zürcher Amtes für Justizvollzug ist.
Endrass hält es für richtig, dass die Hürden, um Kriegsmaterial nach Hause abzugeben, hoch gesetzt sind. «Das Gefährlichste, was die Evolution hervorgebracht hat, sind junge Männer.» Drücke man einem 18-Jährigen eine Armeewaffe in die Hand, «ist er zu diesem Zeitpunkt kognitiv noch nicht ausgereift».
Mit dem vorsorglichen Waffenentzug würden nicht nur schwere Straftaten verhindert. Auch wegen Suiziden müsse man vorsichtig sein, wie viele Waffen man in die Bevölkerung gebe. «Hinzu kommen solche, die Waffen verlieren, damit Unfälle bauen oder sie verkaufen.»
Und auch in der häuslichen Gewalt spielten Waffen eine zentrale Rolle: «Eine Drohung wird von einer Frau als viel schlimmer empfunden, wenn der Mann eine Waffe zu Hause hat. Das baut eine Drohkulisse im Haushalt auf.»
Waffenloser Dienst ausgeschlossen
Die Überprüfung der Rekruten ist letztlich keine exakte Wissenschaft. Die Risk-Profiler erstellen Zukunftsprognosen. Diese lassen sich gemäss Bundesverwaltungsgericht nicht nur aufgrund «harter» Fakten erstellen. Es handelt sich auch um Annahmen und Vermutungen.
Da die Armee gegen massiven Rekrutenmangel kämpft, stellt sich die Frage, ob ausgemusterte Stellungspflichtige wenigstens im waffenlosen Dienst eingesetzt werden könnten, statt sie vom Dienst auszusperren.
Risk-Profilerin Scherrer winkt ab: «Es gibt keine andere Lösung, weil man im Militärdienst leichten Zugang zu Waffen und Munition hat.» In der Praxis ist es nicht möglich, die Gefährder permanent zu überwachen.
«Und waffenloser Dienst eignet sich für diejenigen, die aus Glaubens- oder Gewissensgründen keine Waffe wollen, aber nicht für Risikopersonen.»
(Alexandra Aregger)