Wenn die Stadtpräsidentin in der Satire-Show das Tanzbein schwingt
Wer die Flyer und Veranstaltungshinweise zu «Uschter Röwü» liest, muss zur Überzeugung kommen, die Macher wollten sämtliche Drogen auf einmal in den kulturellen Körper der Stadt spritzen. «Uschter Röwü» verspricht vieles: Mit den Pleiten, dem Pech und den Pannen, dem Skurrilen und Seltsamen der Stadt Uster will die «royal-theatrale Late Night Show» satirisch abrechnen. Überraschend soll die Veranstaltung sein, im schnellen Wechsel mit musikalischen Leckerbissen, schrägen Gästen und exotischen Tieren.
Premiere für diesen Cocktail war Freitagabend im Central Uster. Diejenigen Besucherinnen und Besucher im ausverkauften Haus, die ein wenig mit dem Gesellschaftlichen und Politischen der Stadt vertraut waren, wussten schon im vorherein, dass mit «schräger Gast» nicht SP-Stadtpräsidentin Barbara Thalmann gemeint sein konnte.
In den Fussstapfen von Harald Schmidt
Bevor die Ustermer Politgrösse auf dem überdimensionierten hellgrünen Sofa Platz nehmen sollte, eröffnete Entertainer Miro Maurer die Late-Night-Show. Er tat dies in der Tradition von Genregrössen wie David Letterman, Harald Schmidt, oder wie sie alle heissen, zur Livemusik einer Band. Wobei seine aus Alleinunterhalter Martin Schumacher bestand, der dafür gleich zwei Saxophone gleichzeitig spielte, begleitet vom Schlagzeug ab Band.
Was Maurer anderen Late-Night-Koryphäen voraus hat: Der Mann kann tanzen und singen. Im grauen Anzug begrüsste der 30-jährige Ustermer das Publikum: «Uschter! Herzlich Willkommen im Zentrum der Macht!»
Wäre das Sofa was für Ihre Wohnung, Frau Thalmann?
Miro Maurer, Entertainer und Moderator aus Uster
Also anschnallen, festhalten, Tische hochklappen, Notausgänge befinden sich vorne, hinten, links und rechts. «Die Atemschutzmasken sind bereits auf Ihren hübschen Gesichtern – we are ready for take off!» Es folgt die Melodie von Major Toms Song «völlig losgelöst».
Auftritt Stadtpräsidentin
Schliesslich kündigte Maurer den Illustren Gast des Abends an: «Die First Lady von Uster – Barbara Thalmann!» Bekleidet mit SP-rotem Rock, schwarzen Strümpfen und Oberteil schritt die Stadtpräsidentin aus dem Publikum, begleitet von Applaus und Musik, die vierstufige Treppe hinauf, begrüsste Miro Maurer und setzte sich aufs meterlange hellgrüne Sofa.
«Frau Thalmann, ich habe Sie vorhin beobachtet, wie Sie das riesige Sofa begutachtet haben. Wäre das was für Ihre Wohnung?» Thalmann lachte und sagte: «Ich habe tatsächlich never ein solch grosses Sofa gesehen und bin auch nie auf einem solchen gesessen.»
Doch Thalmann gab ihren Politikersessel, metaphorisch betrachtet, nicht so leicht auf und liess sich von Maurer zu Beginn kaum aus ihrer Komfortzone bringen.
Das Wachstum der mittlerweile drittgrössten Stadt des Kantons sei ein zwiespältiger Erfolg, sagte sie. «Einerseits steigt die Bedeutung von Uster, andererseits stehen wir immer noch im Schatten von Winterthur und Zürich. Es ist halt einfach so.»
Eine «nüchterne Feststellung», sagte Maurer. «Soll die Stadt nicht moderner, bekannter und schillernder werden?»
Diesbezüglich habe man sicher noch Luft nach oben, sagte Thalmann. Es gebe da und dort noch einiges, was «Schillernder und Glänzender» gemacht werden könnte, zum Beispiel das Zeughaus.
Der Uster Märt als Trinkgelage
Gibt es eine Ustermer Identität, wollte Maurer wissen. «Es ist sicherlich der Uster Märt, der uns im Innersten zusammenhält», entgegnete Thalmann. Umso bitterer sei es, dass dieser zweimal hintereinander nicht stattfinden konnte. «Der Markt sorgt dafür, dass auch Weggezogene wieder zurückkommen.»
«Übrigens wird das Sofa immer bequemer.»
Barbara Thalmann (SP), Stadtpräsidentin
Worauf Maurer nachfragte: «Um sich ordentlich zu betrinken?» Da habe wohl jeder seine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen, antwortete Thalmann. Die auch die Frage zum Ustertag und zum Widerstand gegen das neue Seerestaurant gewohnt sachlich beantwortete und sich vom Moderator nicht aufs Glatteis führen liess.
Eisbrecher Miro Maurer schaffte es dann doch: «Welche Gene braucht man, um Stadtpräsidentin zu werden?» Worauf Thalmann lachte und sagte: «Klar, es braucht Verantwortungsbewusstsein. Und man muss sich auch mal in eine solche Situation wie heute Abend begeben. Übrigens wird das Sofa immer bequemer.»
Auf einen Tanz mit Thalmann
Eine gepanzerte Limousine mit drei Bodyguards und einen eigenen Präsidentinnenbalkon, wo man sich vom Volk bejubeln lassen könne, habe sie aber nicht, entgegnete Thalmann auf die entsprechende Frage von Maurer. Ein Privileg als Amtsträgerin sei aber, dass sie Einblick in viele Gesellschaftskreise bekomme, viele unterschiedliche Leute antreffe und so einen Überblick über das Stadtleben bekomme.
Und ein weiteres Stück Zurückhaltung legte Thalmann ab, indem sie einem kurzen engen Tänzchen mit Maurer auf der Bühne einwilligte. Kurz darauf war der Abend auf dem hellgrünen Sofa für die Stadtpräsidentin vorbei.
Die Unterhaltung hatte jedoch erst begonnen, wobei ein Theaterstück im Zentrum stand. Dazu Musicalelemente über den Brand von Uster, mit einem Schauspieler- und Gesangsensemble, dass sich zuweilen aus den Zuschauersitzreihen auf die Bühne begab. Und immer wieder gab es Videovorführungen auf der grossen Kinoleinwand.
Satire und Fazit
Letztlich sollte «Uschter Röwü» laut Programmankündigung auch satirische Unterhaltung bieten. Aber hatte Miro Maurer, der nach eigenen Angaben in Uster die Schulbank drückte, die Laster der Stadt präsent, um sie einer Satire gerecht, zu überzeichnen oder zu verspotten?
Maurer servierte zumindest ein paar Häppchen: «Eine Stadt, die nicht weltbekannt ist für ihr malerisches Zentrum verfügt immerhin über ein zentral gelegenes Central.» Oder: «Uster ist pragmatisch: Wohnstadt am Wasser – hier wohnt man und steht dazu.» Hier flanieren die Ustermer durch die «Uschter-77-Mall», fahren das erste Mal besoffen Auto – auf dem Autoscooter vom Uster Märt. «Wir Ustermer füllen die Stadt mit Leben, prägen sie – und stehen am Bahnübergang vor der Barriere.»
Die Satire kam aber nicht zu kurz. Beispiel gefällig? Ein Video mit scheissenden Nashörnern am Fluss, indem eine Off-Stimme aus dem «Uschter Röwü»-Team über das «weiträumige Delta des Aabachs» spricht.
Fazit: Die Skandälchen der Ustermer Politik blieben unangetastet, dafür setzte die Show aber ein Augenmerk auf Usters Stadtbild, Gesellschaft und sonstige Eigenheiten. «Der Geist von Uster» war Thema und wird wohl auch noch in den nächsten geplanten «Uschter Röwü» ergründet. Das Publikum war äusserst angetan vom Spektakel. Die Show bietet mit ihrem breiten Mix auch für Nicht-Ustermer beste Unterhaltung – und ja, die haut rein. Fortgesetzt wird die Eventreihe im Central schon am kommenden Freitag mit einem nächsten illustren Gast: Paul Stopper, dem Schreckgespenst des Stadtrats.
