Mit literarischen Sexszenen Schamgefühle überwinden
«Hier findet heute keine Orgie statt», sagt János Stefan Buchwardt, der hinter einem Notenständer steht und lacht. Im «Grünen Salon» stimmen zwanzig Gäste in sein Lachen ein, die Stimmung ist locker, das erste Eis gebrochen. Denn nicht wenigen der Anwesenden war beim Betreten der «Alten Kanzlei», einer Altbauwohnung an der Bahnhofstrasse in Wald, ihr leichtes Unbehagen anzumerken.
Ihr Grund dafür? Der Titel der Veranstaltung: «Pimmel an der Wand» – Erotische und pornografische Literatur, gelesen von Buchwardt mit Gesang von Gabriella Azoulay. Und der Name scheint auch gleich Programm.
Standvolles Gemächt im Mittelpunkt
Nachdem Buchwardt im mit Teppich ausgelegten Treppenhaus an diesem Samstag die Gäste empfangen und ihr Covid-Zertifikat gescannt hat, steht man im Eingangsbereich einer wunderschönen Altbauwohnung eines 1903 erbauten Hauses.
Sofort bleibt der durch die Wohnung schweifende, musternde Blick an einem Tisch hängen, auf dem die Gläser für den darauffolgenden Apéro auf ihren Einsatz warten. Es ist der riesige, schwarze Penis, von einer goldenen Schleife umringt, der einem ins Gesicht springt.
Im Wohnzimmer, dem «Grünen Salon», wo unter Abstand zwanzig Stühle bereitstehen, sind weitere Penisexemplare und Dildos ausgestellt. Ein kleinerer, gestrickter Penis in Rosa hängt tatsächlich an der Wand. «Dieses Exemplar, das ich 2013 gekauft habe, war tatsächlich der Auslöser, stand Pate für die heutige Lesung», wird Buchwardt später sagen.
Keine Schmuddel-Ecke
Es sind die einleitenden Worte des 59-jährigen gebürtigen Deutschen, der in München, Wien und Zürich Germanistik, Publizistik und Philosophie studiert hat, die das Programm des Abends einordnen und aus einer vermeintlichen Schmuddel-Ecke holen.
«Was man in einer Bibliothek findet, darf man auch lesen», sagt Buchwardt. «Wir haben uns gefragt, gibt es in der klassischen deutschen Literatur gute Sexszenen? Unsere Auswahl an sinnlichen, nachdenklichen und humorvollen Texten soll zur Überwindung von schamgeleitetem Denken führen.»
Der rund 1,70 Meter grosse Mann mit Glatze, blauem Jackett und Ansteckrose spricht davon, wie das Zürcher Oberland einerseits für seine Offenheit bekannt ist, es aber auch das Gegenteil gibt. Er, der seit 1986 in der Schweiz lebt, lässt tief blicken, als er dem Publikum von sexueller Identität erzählt und wie die eigene Familie seine Homosexualität ablehnte.
«Ich kann nicht versprechen, dass ich Sie heute Abend nicht erröten lasse, doch das Gefäss des Grünen Salons weiss sie zu schützen.» Das Licht des Kronleuchters wird gedimmt, ein Scheinwerfer wirft orange Strahlen auf Buchwardt und Gabriella Azoulay; die Lesung, untermalt von a cappella vorgetragenen musikalischen Darbietungen, beginnt.
Von «Grotten» und «harten Speeren»
Ruhig, mit der angenehmen Stimme eines erprobten Rezitators nimmt Buchwardt das Publikum mit in eine Welt voller «Muscheln», «harter Speere», «eindringender Armore», «spritziger Fontänen» und «Grotten» ohne dabei zu erröten.
Unterbrochen werden die Passagen durch Gedichte von Robert Gernhardt und Detlev Meyer, sowie durch Azoulays Gesang.
Die Sängerin mit spanischen und französischen Wurzeln, dem grauen, von Silberglitzern durchzogenem Haar, singt im Zusammenspiel mit dem Vorleser Buchwardt Klassiker des Chansons wie «Paroles, Paroles» von Dalida und Alain Delon oder «Les Feuilles mortes».
Aber auch Marlene Dietrichs «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt» durchschwebt den rund drei Meter hohen Raum mit Holzvertäfelungen, grün gestrichenen Wänden und liebevoll gestalteten Stuckaturen an der Decke.
Nach der Pause ist es «Sexbomb», zu dem sogar das Publikum mitklatscht, mitsingt.
Überhaupt ist die zweite Hälfte lustiger, animierter, was auch am Haupttext des deutschen Comicautors und -zeichners Ralf König liegt. «Der fromme Schlomm», eine Max-und-Moritz-Parodie lässt das Publikum immer wieder schmunzeln sowie gesellschaftliche, ethische und moralische Wertvorstellungen hinterfragen.
Angeregte Diskussionen im Publikum
Es sind unter anderem auch diese Aspekte, die nach der Lesung im Publikum rege diskutiert werden. «Wir kommen aus einer Zeit, in der solche Themen hochgradig tabu waren», sagt ein 75-jähriger Mann. «Wir wussten nicht, was uns heute erwartet, aber beim Zuhören wurde alles normal.»
Eine Dame wirft allerdings ein: «Wenn man sich gewisse Texte oder Passagen von heute Abend bildhaft vorstellt, dann ist es schon grenzwertig.»
«Ich habe es einfach faszinierend gefunden, wie die Texte gelesen wurden.»
Ein Gast in der «Alten Kanzlei»
Dass der Abend zum Sinnieren über Sexualität angeregt hat, ist einem Mann, ebenfalls um die Mitte 70, anzumerken.
Er spricht davon, wie er im Leben gemerkt habe, dass Sex nicht alles sei, sich mit dem Alter Bedürfnisse veränderten, es andere Sachen gäbe, Berührungen mehr Bedeutung hätten. «Ich habe es einfach faszinierend gefunden, wie die Texte gelesen wurden.»
Lesungen seit 2014
«Sprache ist einfach meine Passion», sagt János Stefan Buchwardt. Und einen solchen Raum, wie seinen Salon, der müsse einfach bespielt werden.
«Ich weiss, dass der Titel sehr polemisch war.»
János Stefan Buchwardt über «Pimmel an der Wand»
Schon seit 2014 gibt es die Lesungen, zweimal pro Jahr. Das letzte Mal allerdings Corona-bedingt im Dezember 2019. Wollte er deshalb gleich mit einem bisweilen so provokanten Thema die Anlässe, die praktisch stets ausverkauft seien, wieder in das allgemeine Bewusstsein rücken?
Buchwardt lächelt. «Ich weiss, dass der Titel sehr polemisch war. Die Idee, für eine solche Lesung hatten mein Partner und ich schon lange. Nur waren meine Vorbehalte sehr hoch», sagt er. Er könne deshalb absolut verstehen, wenn sich Leute im Vorfeld abgeschreckt gefühlt hätten.
Während nebenan noch diskutiert wird, ob denn der heutige Abend gezeigt habe, dass die frühere oder die heutige Zeit offener im Umgang mit Sexualität sei, blickt Buchwardt auf den rosaroten Stoff-Pimmel mit Silberfäden an der Wand.
«Der Strickpenis, den ich von einem Kostümbildner erstanden habe, hing lange an der Wand direkt über dem Klo. Es wurde Zeit, ihn aus dieser Schmuddel-Ecke herauszuholen.»
