So feiert Wald demnächst das 400-Jahr-Jubiläum
Wir schreiben das Jahr 1621: Seit drei Jahren tobt auf dem europäischen Kontinent ein unerbittlicher Konflikt, der einst als Dreissigjähriger Krieg in den Geschichtsbüchern Eingang finden wird. Die Schweiz, einen Kanton Zürich, gibt es zu jenem Zeitpunkt noch nicht.
Es ist die Reichsstadt Zürich, die in der Alten Eidgenossenschaft, dem damaligen lockeren Staatenbund, als wichtiger Akteur im Oberland auftritt. Ihr gehörte seit Anfang des 15. Jahrhunderts auch die Landvogtei Grüningen, in der die Pfarrgemeinde Wald lag. Der Rat der Stadt Zürich ist es nun, der in besagtem Jahr Wald offiziell das Marktrecht verleiht. 400 Jahre sind seitdem vergangen, ein Umstand, den die Gemeinde am 26. und 27. Oktober mit einem Jubiläumsmarkt zelebriert.
Eine Jahreszahl prägt sich ein
Eigens für dieses Ereignis hat Andreas Honegger eine Marktzeitung initiiert, deren Herausgeberin die Gemeinde ist. In der Schule seien ihm im Unterricht schon früh wichtige Daten zur Geschichte der Gemeinde wie die Jahreszahl 1621 «eingebläut» worden, ist im Editorial der Zeitung zu lesen. «Diese hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Allerdings hatte ich eine naive Vorstellung vom Marktrecht, welches Wald vor vierhundert Jahren zugesprochen worden war», schreibt Honegger.
«Ich stellte mir den Markt idyllisch vor, wie in einem Märchen der Gebrüder Grimm»
Andreas Honegger, Initiant der Jubiläumsfeier
«Ich stellte mir den Markt idyllisch vor, wie in einem Märchen der Gebrüder Grimm: Ein kleines Dörfchen an einem Bächlein mit einer Kirche und schönen blumengeschmückten Marktständen mit lauter emsigen, fröhlichen, glücklichen Leuten.»
Glücklich über die Walder Marktverordnung dürften damals jedoch die Wenigsten gewesen sein. Denn so war sie in erster Linie ein Zwangsinstrument.
Die Marktordnung, ein Zwangsinstrument
Der Marktzwang regelte, dass Speisen und Lebensmittel nur noch in Wald verkauft werden durften. Dies galt nicht bloss für die Hofleute von Wald, sondern namentlich auch für Fischenthal, Bäretswil, Rüti, Dürnten, Hinwil, Bubikon und Wetzikon. Der Unmut der Bauern über diese Regelung zeigte sich darin, dass sich eine grosse Zahl weigerte, ihre Produkte nach Wald zu fahren. Saftige Bussen waren die Folge.
Zuvor verkauften die Walder Bauern ihre Waren auf dem Markt der Stadt und Herrschaft Rapperswil – ein Dorn im Auge des Zürcher Rats, der an der Wertschöpfung der Landwirtschaft teilhaben wollte. Denn mit dem Beginn des Dreissigjährigen Krieges «gewann in der Eidgenossenschaft der Getreideanbau an Bedeutung und die Preise für alle Erzeugnisse der Landwirtschaft stiegen», wie der Historiker Martin Illi in der Walder Marktzeitung schreibt. Er hält fest, dass der Marktzwang dem Zürcher Rat als geeignetes Mittel erschien, um die Verkäufe auf fremden Märkten zu unterbinden.
Wer sich vertieft mit dem historischen Kontext der Walder Marktverordnung auseinandersetzen will, kann dies in der Jubiläumszeitung tun. Dort hat Illi ein fiktives, aber auf geschichtlichen Fakten beruhendes Interview mit dem damaligen Landvogt Hans Casper Heidegger geschrieben. «Darauf bin ich besonders stolz. Martin Illi gelingt es hier, die vielleicht trockene Materie auf eine anschauliche Art zu vermitteln», wie der Initiant Andreas Honegger sagt.
Andere Prioritäten bei der Gemeinde
Für seine Zeitung, die gratis an alle Haushalte in Wald verteilt wurde, habe er schon viel positives Feedback erhalten. Dabei sei lange gar nicht klar gewesen, ob denn die Gemeinde selbst das 400-Jahr-Jubiläum auch feiern würde. «Die Gemeinde hatte das nicht speziell vor. Da bin ich dann auf den Gemeinderat zu und habe ihn nach finanzieller Unterstützung gefragt», so Honegger.
«Wir wollten letztes Jahr gross 1200 Jahre Wald feiern»
Ernst Kocher, Gemeindepräsident Wald
Auf Anfrage erklärt Gemeindepräsident Ernst Kocher (SVP), dass die Gemeinde einfach andere Prioritäten gesetzt habe. «Wir wollten letztes Jahr gross 1200 Jahre Wald feiern, was anhand einer Stiftungsurkunde belegt werden kann.» Allerdings hätten dann aufgrund von Corona nur zwei der geplanten fünf Veranstaltungen durchgeführt werden können. «Wir waren beim 1200-Jahre-Jubiläum aktiver. Auch die Privatinitiative 400 Jahre Marktrecht haben wir mit finanziellen Mitteln unterstützt», so Kocher.
Eine Würdigung muss sein
Dank dieser Unterstützung sowie der in der Zeitung geschalteten Inserate, aber auch Freiwilligenarbeit konnte die Marktzeitung entstehen. Als Kind war Initiant Honegger absolut fasziniert von den Marktschreiern, der Chilbi oder dem Billigen Jakob. Deshalb habe es für ihn ausser Frage gestanden, den Anlass zu würdigen.
Die Zeitung, die zwischen 1950 und 1970 noch «ein richtiges Ding» war, würdigt in der aktuellen Ausgabe auch die Marktfahrenden. «Die Corona-Zeit ist für uns alle schwer, aber gerade die Marktfahrenden konnten in den letzten anderthalb Jahren kaum etwas machen und kaum Geld verdienen.» Er wolle mit seiner Zeitung und den Feierlichkeiten im kleinen Rahmen am Dienstagabend gerade ihnen seinen Respekt und seine Solidarität ausdrücken.
Marktschüblig und Marktbier
Angesprochen auf die Frage, warum denn gerade im Oberland die Markttradition auch heute noch funktioniere, sagt Honegger: «Märkte üben als Orte der Begegnung eine grosse Anziehungskraft aus. Sie gehören für die Leute hier fast schon zum Brauchtum. Hier im Tösstal leben viele urchige Gestalten, die Leute sind unter sich.» Aber wenn Markt sei, würden sie alle aus den hintersten Tälern kommen.
Auf sie warten am Dienstag und Mittwoch sogar neu kreierte Marktschüblige und extra gebrautes Marktbier. Wer Glück hat, findet in seiner Zeitung sogar einen Gutschein.
Zum Herbstmarkt
Auf dem traditionellen Warenmarkt an der Bahnhofstrasse und auf dem Schwertplatz erwarten die Besucherinnen und Besucher rund 80 Marktstände. Geöffnet ist der Markt am Dienstag, 26. Oktober und Mittwoch, 27. Oktober von 10 bis 19 Uhr statt. Am Dienstag findet um 17 Uhr zudem vor dem Festzelt «400 Jahre Markt Wald» auf dem Schwertplatz eine kleine Feier statt. Beim Festakt spielt die Band «The Blue Suns».
