Hier werden Bäume für mehr Biodiversität gefällt
Das Gras der Wiese ist noch feucht. Die dicken, schweren, grauen Nebelschwaden haben sich verzogen, als die Sonnenstrahlen an diesem Herbstmorgen die Wipfel des Rütiwalds berühren. Unter den Sohlen knirschen die Kieselsteine des Waldwegs und in der Ferne ist unüberhörbar das Kreischen einer Motorsäge zu hören, die sich wohl gerade in das Holz eines Baumes frisst. Da taucht auf dem Weg plötzlich ein breites Absperrbanner auf, das ein Weitergehen an dieser Stelle verhindert: «Holzschlag» ist in grossen schwarzen Lettern zu lesen. Fussgänger, Autos oder Reiter dürfen nicht weiter.
In besagtem Wald sind an dieser Stelle Forstunternehmer Christian Muggler und sein Team mit schwerem Gerät im Einsatz. Ihr Ziel? Den einst künstlich bepflanzten Fichtenwald in einen naturnahen Föhren-Birkenbruchwald umzuwandeln und damit der Artenvielfalt ihren Raum zu schaffen.
Föhren-Birkenbruchwald als Ziel
Dabei sei Wald ist nicht gleich Wald, wie Staatsförster Viktor Erzinger erklärt. So ist der Rütiwald, ein beliebter Ausflugsort und ein stark frequentiertes Naherholungsgebiet der Region. Er befindet sich im Besitz des Kantons und ist in mehrere Waldtypen unterteilt.
Auf einer alten, fast schon vergilbten Karte zeigt Erzinger das aktuelle Gebiet mit den erfassten Waldtypen des Rütiwalds und sagt: «Ziel ist es hier, wieder einen Föhren-Birkenbruchwald zu haben, wie er von der Natur vorgesehen ist.» Jan Steffen, Gebietbetreuer der kantonalen Fachstelle Naturschutz ergänzt: «Wichtig ist, dass an diesem Standort mit dem Fällen der Fichten auch die Biodiversität gefördert wird.»
Denn so ist die Fichte eine standortfremde Baumart, die eigentlich im subalpinen Alpenraum zwischen 1200 und 1800 Metern heimisch ist. Erzinger will zwar nicht von einem Neophyten sprechen, sagt aber, dass die Fichte doch sehr invasiv sei. Der sich stark ausbreitende Baum gedeiht auf Staunässe schlecht und kann keinen stabilen Wuchs erzeugen. Und ist somit vor allem bei Stürmen gefährdet.
Ausgetrockneter Wald im 18. und 19. Jahrhundert
Während Muggler und sein Team um die meterbreiten Reifen des Forwarder, einem traktorähnlichen Gefährt mit Ablagefläche für den Holzabtransport, Stahlbänder spannen, schreiten Erzinger und Steffen querwald ein. Die Reifen der tonnenschweren Geräte haben im feuchten, von Moos überzogenen Boden ihre Spuren hinterlassen. Denn ein Bruchwald ist ein permanent nasser, sumpfiger Wald. So schmatz auch bei jedem Schritt der Boden unter den Füssen.
Früher wurde im Rütiwald Torf gestochen. Noch heute zeugen tiefe Wassergräben von den Entwässerungsmassnahmen, die im 18. und 19. Jahrhundert getroffen wurden, um das Moor trocken zu legen. Danach wurde der Wald künstlich aufgeforstet, die Fichte galt als «Brot der Förster», wie Erzinger erklärt, weil sie rasch gefällt und zu Geld gemacht werden konnte.
Heute würden die Wassergräben hingegen teilweise wieder gestaut, wie der Gebietsbetreuer der Fachstelle Naturschutz sagt. Damit der Wasserpegel steigt. Er bückt sich, reisst ein Stück Torfmoos vom Boden, zerdrückt es zwischen den Händen. «Das Moos ist ein ausgezeichneter Wasserspeicher. Es ist zudem von entscheidender Bedeutung für die Entstehung von Zwischen- und Hochmooren, gemäss Bund seltene Lebensräume, die gefördert werden sollen.»
Eine Sache von Sekunden
Als Steffen von der naturkundlichen Bedeutung des Waldstück und deren biologischer Förderung spricht, knackt und kracht es im Unterholz. Muggler kommt gefahren, im Führerstand einer 20 Tonnen schweren Forstmaschine, einem sogenannten Harvester, der für die Hollernte zuständig ist.
«Es ist keine Rodung, die hier geschieht.»
Viktor Erzinger, Staatsförster
Nur wenige Augenblicke später ist das Kreischen der Motorsäge zu hören. Da packt der Greifarm schon eine der unzähligen Fichten. Kaum hat die Säge ihre Arbeit verrichtet, wird der gefällte Baum in Sekundenbruchteilen entastet, zerteilt – alles vollautomatisch, je nach Stammdicke und Baumlänge.
Der Forwarder ist indes auch schon den leichten Hang hinuntergefahren und lädt in Windeseile die gefällten Holzstämme auf. Dabei sorgen die Breitreifen und zuvor befestigten Breitreifen für einen wesentlich kleineren Bodendruck als beispielsweise Landwirtschaftstraktoren oder Pferde. Zudem fahren die Maschinen auf einem dicken, bodenschonenden Astteppich.
Langfristig geplant
Drei Wochen sollen die Arbeiten noch dauern. Geplant sind sie allerdings schon viel länger. Steffen erklärt, wie die Fachstelle Naturschutz auf den Staatsförster zugegangen sei vor mehreren Jahren. Dabei sei es darum gegangen, das vorhandene Potential zwischen bestehenden Schutzgebieten und Wald zu realisieren.
«Für uns ist es eine Win-Win-Situation», erklärt der Staatsförster. Endlich sei man so dazu gekommen, den Problemwald in Angriff zu nehmen. Der jetzige Zeitpunkt sei zudem günstig, Holz sei derzeit ein sehr gefragter Baustoff – nicht nur wegen des weltweiten Rohstoffmangels.
Im Hintergrund lichtet sich der einstige Fichtenwald zusehends. Der Forstunternehmer versteht sein Handwerk, Baum um Baum muss weichen. «Es sieht vielleicht radikal aus, aber der Wald wird sich auf natürliche Art und Weise erholen. Diese sogenannte Naturverjüngung geschieht ohne Anpflanzung von Bäumen», sagt Erzinger.
Und schiebt in aller Deutlichkeit nach: «Es ist keine Rodung, die hier geschieht. Denn damit geht immer auch eine Zweckentfremdung des Bodens einher.» Auch von einem «Kahlschlag» könne keinesfalls gesprochen werden.
Erfolg an anderer Stelle sichtbar
Die Sonne hat inzwischen beinahe ihren Zenit erreicht. Es sieht lichter und freundlicher aus, einzelne Föhren, aber auch Erlen stehen noch. Was sich Erzinger und Steffen von den derzeitigen Arbeiten erhoffen, zeigen sie nach einem kurzen Spaziergang an einem anderen Waldstück, wo bereits 2015 der invasive Nadelbaum weichen musste
Junge Birken recken ihre Köpfe gen Himmel, zahlreiche Holzstapel für Insekten und Reptilien säumen den Boden, der hier richtiggehend durchnässt ist. Neben Libellen, aber auch Schmetterlingen, denen der neue Lebensraum zugutekommt, zeigt Steffen voller Stolz auf eine lange, krautige Sumpfpflanze, eine spezielle Rohrkolben-Art. «Diese Art ist im Kanton Zürich sehr selten. Und hat sich hier auf natürliche Weise verbreitet.»
Die Forstarbeiten im Rütiwald werden nach den jetzigen Fällungen vorübergehend abgeschlossen sein. Und mit ihr wird auch die Fläche des Föhren-Birkenbruchwaldes im Kanton Zürich wieder ein Stück grösser sein.
