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Wie Hunde und Ponys Kinder erden können

Kita-Plätze sind begehrt, auch im Zürcher Oberland. In der Region gibt es zwei Institutionen, die in ihren Krippenalltag Tiere miteinbeziehen. Eine Reportage vor Ort.

Buntes Treiben: Die Kita Einhorn in Fehraltorf setzt auf tiergestützte Pädagogik.

Foto: Paulo Pereira

Wie Hunde und Ponys Kinder erden können

«Wer will denn jetzt alles auf Dixie reiten?» «Ich, ich», schallt die prompte Antwort von gleich fünf, sechs Kindern an diesem sonnigen, aber kühlen Septembermorgen durch die Luft. Schon klickt die Schnalle des Pferdehelms und nur wenige Augenblicke später sitzt eines von ihnen auf dem kleinen Pony. Die Augen des Mädchens funkeln und leuchten.

In der Fehraltorfer Kinderkrippe Einhorn ist Dixie ist nicht das einzige Tier. Im Stall im Garten des alten Hauses an der Bahnhofsstrasse steht auch noch Scarlett. Die zwei süssen Ponys gehören seit vier Jahren zum Inventar, der 2013 gegründeten Kita. Und während sich die Kinder beim Reiten abwechseln, tollen die siebenmonatigen Junghunde Ponto und Daisy durch die noch feuchte Wiese, während der 15-jährige Amor dem bunten Treiben distanziert zuschaut, seine Puppe in der Hundeschnauze.

«Heutzutage haben viele Familien gar nicht mehr die Möglichkeit, Haustiere zu halten.»

Simone Hefti (38), Leiterin Kita Einhorn

Über allem thront indes Kater Mischka und putzt sich sein orange-weisses Fell. Insgesamt bereichern vier Hunde, vier Katzen, vier Zwerghasen und die zwei Ponys den lebhaften Alltag von Simone Hefti und ihrem Team.

Das Tier als Brückenbauer

Tiergestütze Pädagogik lautet das grosse Stichwort im Betrieb der 38-Jährigen. Schon lange haben wissenschaftliche Studien den positiven Effekt von zielgerichteten und strukturierten tiergestützten Interventionen belegt. Dazu gehören gestiegene Kommunikation bei verschlossenen Menschen, Impulskontrolle von ADHS-Kindern, verbesserte Lern- und Leistungsfähigkeit, Prävention und Gesundheitsförderung, Entwicklung der emotionalen Kompetenzen sowie soziale Integration.

 

Für Hefti, die mit ihrem Freund über den im Erdgeschoss befindlichen Krippenräumlichkeiten wohnt, ist das Tier auch ein Brückenbauer, der den Kindern dabei hilft, Kontakte zu knüpfen. Selber mit Tieren aufgewachsen und Besitzerin zweier Pferde sagt sie auch: «Heutzutage haben viele Familien gar nicht mehr die Möglichkeit, Haustiere zu halten. Wir bieten den Kindern hier die Möglichkeit, ihre Ängste abzubauen und durch die Tiere geerdet zu werden.» Zudem lernten sie auch Verantwortung zu übernehmen für ein Lebewesen, müssten beim Putzen und Striegeln der beiden Ponys mithelfen.

Die erste Bauernhof-Kita im Kanton

Den selbstverständlichen Umgang von Kindern mit Tieren fördern wollen auch Judith und Martin Frei – auf der ersten Bauernhof Kita des Kantons  Zürich. Die zukünftige Betriebsleiterin des Bauernhofs im Bezirk Hinwil ist dabei eine Quereinsteigerin. Auf einem Bauernhof aufgewachsen entdeckte sie nach der Ausbildung zur Umweltnaturwissenschaftlerin ihre Leidenschaft für die Landwirtschaft neu. Auch ihr Partner, ehemals Betriebswirtschaftler, absolvierte eine Zweitausbildung und gemeinsam entschieden sie, einen Hof zu übernehmen und diesen auf biologischen Anbau umzustellen.

Sie befänden sich momentan noch in einer Übergangsphase, bevor sie den Betrieb 2023 definitiv übernehmen werden, so die 29-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt wollen sie mit einer Freundin auch die dem Bauernhof angegliederte Kita eröffnen, welche 12 Plätze für Kinder im Alter von 18 Monaten bis zum Kindergarteneintritt und eine «naturnahe Erfahrungswelt» bieten soll. «Stand jetzt stecken wir noch mitten in der Planungsphase, sind voll mit Um- und Ausbauplänen beschäftigt.»

«Wir wollen gesellschaftsrelevante Basics vermitteln.»

Judith Frei (29), Betriebsleiterin Bio-Bauernhof mit angegliederter Kita

Und um die Kita-Pläne auch in die Tat umsetzen zu können, benötigen sie Geld. Seit letzter Woche wird auf der Crowdfunding-Plattform wemakeit.ch Geld für das Projekt gesammelt. 25‘000 Franken wollen sie innert 45 Tagen sammeln. Erreichen sie dieses Ziel, fliessen weitere 25‘000 Franken aus dem Impact Fund der Plattform, welcher Projekte mit Fokus auf Bekämpfung der Klimaerwärmung unterstützt. Über 11‘000 Franken sind bereits zusammengekommen.

Gestiegene Nachfrage nach tiernaher Betreuung?

Die Projektinitianten wollen schon früh bei den Kindern ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen und sie in einem sozialen und pädagogischen Kontext sensibilisieren. Dass es Zeit braucht, bis eine Tomate reift und gegessen werden kann. Dass Milch «nicht einfach im Regal in der Migros hergestellt wird». «Natürlich werden wir ihnen keine CO2-Statistiken erklären», schiebt die Neo-Landwirtin sofort nach auf die Frage, ob dieses Vorhaben bei Kindern nicht zu idealistisch sei. «Wir wollen gesellschaftsrelevante Basics vermitteln.» Und dazu gehöre in einem naturnahen Kontext beispielsweise auch, was es bedeutet, die Verantwortung für ein Tier zu übernehmen.

Ob Judith und Martin Frei mit ihrem Angebot eine subjektiv gestiegene Nachfrage nach einer natur- und tiernahen Betreuung decken, ist unklar. Auf Anfrage bei Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, heisst es, dass man leider nicht über genügend entsprechende Daten verfüge, um Aussagen über eine allfällige Trendentwicklung treffen zu können. Auch eine Erhebung über unterschiedliche Konzepte der Kita-Angebote sei nicht bekannt.

Tierbedürfnisse müssen respektiert werden

Bekannt hingegen ist, dass die Förderung einer tiergerechten Interaktion gar nicht früh genug einsetzen kann. Wichtig sei jedoch, dass die Begegnungen angeleitet werden von erfahrenen Personen und die Tiere für diese Altersstufe bestens vorbereitet sind, wie der Zürcher Tierschutz auf Anfrage sagt. Aus Sicht des Tierwohls sei es wichtig, dass die Tiere nicht übermässig instrumentalisiert und tiergerecht gehalten würden und ihre eigenen Bedürfnisse ausleben könnten.

«Ganz wichtig sind genügend Ruhezeiten, in denen sich die Tiere zurückziehen können. Zu berücksichtigen ist auch ihre Tagesform. Denn Tiere sind wie Menschen auch nicht immer gleich einsatzbereit», sagt Nadja Brodmann, Co-Geschäftsleiterin des Zürcher Tierschutzes.

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