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Gesellschaft

«Mich fasziniert das Dunkle an der Region»

In seinem neuen Roman «Die Abendwölfe» thematisiert der Walder Autor Jürg Brändli die Angst vor Terrorismus. Um zu zeigen, wie schnell und extrem Radikalisierung greifen kann, lässt er in seinem Buch eine Oberländer Bikergang Kebab-Buden anzünden.

Brändli beschäftigt vor allem seine Heimat – die schweizerische Gesellschaft mit all ihren Eigenheiten.

Bilder: Lea Ernst

«Mich fasziniert das Dunkle an der Region»

Jürg Brändli ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist. Vor zehn Jahren zog er aus Zürich zurück in seinen Heimatort Wald. Diese Woche erscheint sein sechstes Buch «Die Abendwölfe», ein Polit-Thriller, der im Zürcher Oberland spielt. 

Herr Brändli, um was geht es in Ihrem neuen Roman?
Jürg Brändli: Zusammengefasst geht es um Radikalisierung. Der 30-jährige Rocker Romeo wird im Gefängnis von seinem Zellennachbar indoktriniert. Mit dem Ziel, die abendländischen Werte gegen den Islam zu verteidigen, gründet er die Bikergang «Die Abendwölfe» und macht das Oberland unsicher.

Haben Sie bei dem Thema keine Angst vor einem Shitstorm?
Doch, natürlich. Es ist mein erster Politroman, damit schafft man sich schnell Feinde. Ich habe deshalb versucht, so durchdacht wie möglich zu schreiben. Ich will keineswegs zu Extremismus aufrufen oder propagieren. Genau das Gegenteil ist der Fall.

«Am 11. September 2001 war ich gerade in den Ferien in New York»

Haben Sie Angst vor dem Islam?
Sagen wir es so: Ich habe Angst vor Islamisten. Am 11. September 2001 war ich gerade in den Ferien in New York und habe nach dem Anschlag gespürt, wie sich etwas in mir verändert hat. Die Angst von damals konnte ich bis heute nicht wirklich verarbeiten. Ich schätze, das wollte ich nun mit diesem Buch tun.

Und, hat es funktioniert?
Das wäre schön, ich hoffe es. Ich habe seit 9/11 viel über den Islam gelesen und mir Gedanken darüber gemacht, wie wir mit Terror und Radikalisierung umgehen. Ich habe auch zum ersten Mal den Koran gelesen, der, wenn man ihn wörtlich versteht, sehr radikal klingt. Auch in der Bibel gibt es kritische Passagen, doch scheinen sie mir weniger extrem. 

«Ich habe mich beim Schreiben des Buches gefragt, ob sich Extremisten an mir vergelten würden.»

Und doch: Prozentual schliesst sich nur ein winziger Teil der Muslime islamistischen, also radikalen Gruppen an. 
Ja, natürlich. Doch nur schon, dass ich mich beim Schreiben des Buches gefragt habe, ob sich Extremisten an mir vergelten würden, zeigt, wie tief die Angst in uns sitzt. Einige Leute haben mir sogar davon abgeraten, das Buch zu schreiben. 

Ist das der Grund, weshalb in «Die Abendwölfe» gegen den Islam radikalisiert wird?
Genau. Ich wollte die Radikalisierung thematisieren, sie jedoch von «der anderen Seite» zeigen. Romeo, die Hauptperson des Buches, wollte früher einmal einer anderen Bikergruppe beitreten, wurde jedoch abgelehnt. Da ist viel Frustration im Spiel.

Die der Radikalisierung dann ein leichtes Spiel macht.
Die Bikergang gerät im Buch immer tiefer in die Welt des Bösen, führt illegale Handlungen durch, verlangt Schutzgelder, zündet sogar Kebab-Buden an. Ich möchte mit dem Buch betonen, wie schnell Radikalisierung greifen kann und wie weit sie gehen kann.

«Dass Die Abendwölfe regional gefördert wurde, war quasi der Ritterschlag der Region.»

Das Buch wurde von der Kulturinstitution Zürioberland-Kultur mit 2000 Franken gefördert. Was bedeutet Ihnen das?
Es hat mich sehr gefreut. Dass «Die Abendwölfe» regional gefördert wurde, war quasi der Ritterschlag der Region. 

Welche Rolle spielt die Region im Buch?
Ob nächtliche Motorradrennen über die Hulftegg oder eine Asylunterkunft in Bauma: Das Oberland spielt im Buch eine sehr grosse Rolle. Operationsbasis der Bikergang ist das ehemalige Wetziker Restaurant «Alpenblick», das ich für den Roman jedoch nach Hombrechtikon versetzt habe.

Weshalb nach Hombrechtikon?
Weil sich dort auch der Aussichtspunkt Bochslen befindet, der im Volksmund auch «Hitlerbödeli» genannt wird. Dort haben sich vor etwa zehn Jahren Neonazis für einen Fackelzug versammelt. Doch gleichzeitig ist Hombrechtikon wie das Oberland auch hauptsächlich eins: wunderschön.

Ist es dieser Kontrast, der Ihnen gefällt?
Genau. Mich fasziniert das Dunkle an der Region und ihren Menschen. Denn schliesslich geht es mir darum, hoffentlich spannende und emotionale Geschichten zu erzählen.

«Ich hatte das Gefühl, dass man zwingend politisch links sein muss, um Kulturgelder zu erhalten.»

Und das haben Sie bereits Ihr ganzes Leben gerne getan.
Richtig. Am literarischen Schreiben gefällt mir nun, dass ich dabei unabhängiger bin und fantasievoller sein kann. Ich bin eher ein Einzelgänger, der gerne nachdenkt. Beim Film muss jeder Schritt gemeinsam besprochen werden. Ausserdem sind literarische Mittel wie Zeitsprünge im Film nur mit viel Aufwand umsetzbar.

Àpropos Zeitsprung: Was hat Sie nach 15 Jahren in Zürich wieder nach Wald gezogen?
In Zürich hatte ich immer das Gefühl, nicht ganz mich selber sein zu können. Im Kulturkreis, in dem ich unterwegs war, war ich mit vielen politischen Ansichten alleine. Ich hatte das Gefühl, dass man zwingend politisch links sein muss, um Kulturgelder zu erhalten. Wegen einer psychischen Krankheit wollte ich schliesslich wieder nahe bei meiner Familie sein und bin zurück nach Wald gezogen. 

Und das hat Ihnen geholfen? 
Ja, es geht mir wieder etwas besser. Ich habe den Eindruck, hier auf dem Land ist alles weniger ideologisch. In Zürich lebt man ständig auf Knopfdruck. Auf dem Land weiss man, dass gewisse Dinge nun einmal länger dauern. Man hat hier mehr Geduld. 

Ausser mit Ausländern.
Nur, wenn sie sich nicht anpassen.  Wobei niemand seine Identität verleugnen soll.

«Mein Vermieter ist ein Türke, den ich respektiere. Aber es braucht einfach sehr viel Vertrauen.»

Haben Sie selber Freunde muslimischen Glaubens?
Heute fast keine mehr. Mein Vermieter ist ein Türke, den ich respektiere. Aber es braucht einfach sehr viel Vertrauen. In Zürich hatte ich mehr muslimische Bekannte, doch damit habe ich mehr oder weniger abgeschlossen. Obwohl ich beide Orte inspirierend finde, bleibe ich heute zum Teil wochenweise nur in Wald.

Schreiben Sie dort auch Ihre Bücher?
Ja, meistens zuhause, obwohl ich auch die Kaffeekultur in Wald schätze und dort unglaublich viele Leute kennenlerne.

Wie viel Spass hat Ihnen das Schreiben Ihres neuen Buches gemacht?
Es war viel anstrengender, doch auch bewegender als meine vorherigen Bücher. Ich wusste, dass es in diesem Fall viel wichtiger ist, dass es der Kritik standhalten kann. Ich habe drei Jahre daran gearbeitet. Jetzt bin ich stolz, dass es bald erscheint.

Zur Person

Jürg Brändli ist 1971 in Wald geboren, wo er heute wieder lebt und arbeitet. Der Roman «Die Abendwölfe», der zwischen dem 18. und 20. August 2021 in der Edition Königstuhl, St. Gallenkappel erscheint, ist sein sechstes Buch und kann auf  www.editionkoenigstuhl.com vorbestellt werden. N ach Erscheinen ist es in jeder Buchhandlung erhältlich.  Davor veröffentlicht worden sind unter anderem Brändlis Romane «Phantomschmerz» (2000), «Schwarzes Erbe» (2016) und «Der Sklave» (2019). Als Autor beschäftigt ihn vor allem seine Heimat – die schweizerische Gesellschaft mit all ihren Eigenheiten.

In seiner ersten Karriere war Brändli Drehbuchautor für Film und Fernsehen sowie Verfasser von Hörspielen für das Schweizer Radio. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der erfolgreiche Schweizer Kinofilm «Grounding – die letzten Tage der Swissair» von Regisseur Michael Steiner, der von Til Schweiger produzierte Deutsche Spielfilm «Auf Herz und Nieren», sowie das Fernsehspiel «Havarie», das der Schweizer Oscar-Preisträger Xavier Koller inszeniert hat. 

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