«Schliessen die Bordelle, rutscht das Gewerbe in die Illegalität ab»
I.M.*, wollten Sie schon als Kind Bordellbesitzer werden?
I.M.: Nein, ich hatte eigentlich keinen richtigen Traumberuf. Ich habe als Lebensmittelverkäufer gearbeitet, bis ich als Barkeeper in einem Bordell angefangen habe. Daraus hat sich der Wunsch nach einem eigenen Betrieb entwickelt – und vor drei Jahren konnte ich dann die « Villa 45» übernehmen.
Die jetzt wegen Corona geschlossen hat.
Genau. Nach dem ersten Lockdown durften wir zwar wieder öffnen, einfach mit entsprechenden Hygienemassnahmen. Zeitweise war wegen Corona zum Beispiel nur die Position Doggystyle, also Sex von hinten erlaubt. Ab Mitte Dezember mussten wir wieder schliessen, obwohl wir alle Massahmen korrekt umgesetzt hatten. Und das, obwohl andere Branchen mit Körperkontakt wie Piercingstudios offen bleiben durften und obwohl einige der Massnahmen für unsere Branche absolut fatal sind.
Inwiefern?
Viele unserer Kunden sind verheiratete Männer. Dass sie bei jedem Besuch ihre Kontaktdaten inklusive Handynummer angeben müssen, ist äusserst ungünstig.
Aber diese Männer kommen trotzdem in die «Villa 45»?
Natürlich. Sexarbeit ist eines der ältesten Gewerbe überhaupt. Das beweist, dass durchgehend eine Nachfrage besteht.
Was passiert mit dieser Nachfrage, wenn die Bordelle schliessen?
Sie rutscht in die Illegalität ab. Das weiss jeder, der denken kann.
Also kommt es auch zu illegaler Prostitution in Bordellen?
Nein, die Bordelle werden ja streng kontrolliert. Was nicht oder viel weniger kontrolliert werden kann, ist der Strassenstrich oder der Escort. Das Gefährliche dabei ist: Wo nicht kontrolliert wird, verschlechtern sich die Bedingungen. Obwohl die Bordelle nur vorübergehend geschlossen sind, bleiben die Strukturen der illegalen Prostitution auch danach bestehen. Die Bordell-Schliessung ist eine absolute Frechheit, denn sie bestraft nur diejenigen, die es richtig machen wollen.
Was ist mit den Frauen passiert, die für Sie arbeiten?
Sie sind alle abgereist. Meistens arbeiten acht bis zehn Frauen bei mir. Sie kommen aus verschiedenen Ländern Europas, die meisten aus dem Ostblock. Normalerweise dürfen sie 90 Tage im Jahr in der Schweiz arbeiten, viele von ihnen kommen jedes Jahr für eine Saison hierher.
Sind die Frauen irgendwie versichert?
Nein, wenn sie nicht arbeiten können, verdienen sie auch kein Geld. Sie sind nicht angestellt, sondern selbstständig erwerbend. Deshalb sind sie wieder zurück nach Hause gereist. Sie rufen aber fast täglich an, um zu fragen, ob die «Villa 45» schon wieder aufmachen durfte.
Die Vorschriften waren ja kantonal unterschiedlich. In Bern durften die Bordelle zum Beispiel offen bleiben. Hätten die Frauen nicht dorthin gehen können?
Gekonnt hätten sie das schon, doch wir wussten ja nicht, für wie lange der Lockdown anhalten würde. Zuerst dachten wir, es wäre nur ein Monat, und die Frauen wollten nur für kurze Zeit nach Hause reisen. Ausserdem gab es bereits einen riesigen Andrang in Bern, weil Sexarbeiterinnen aus der ganzen Schweiz dorthin gingen, um arbeiten zu können.
Welche staatliche Hilfe erhält die «Villa 45»?
Bisher gar keine. Letzte Woche konnten wir endlich die finanzielle Nothilfe beantragen, wir haben aber noch gar kein Geld erhalten. Und das, obwohl wir seit drei Monaten weiterhin Ausgaben wie die Miete decken müssen.
Haben Sie sich überlegt, wieder als Lebensmittelverkäufer zu arbeiten?
Nein, dafür habe ich viel zu viel in die «Villa 45» investiert. Ausserdem herrscht hier ein lockerer Umgangston, alle duzen und kennen sich. Hier sprechen die Männer offen über ihre Fantasien und Vorlieben, das ist lustig und spannend. Ich glaube, ich könnte nicht mehr im Coop stehen und die Leute mit « Grüezi » ansprechen.
*Name der Redaktion bekannt.