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Als die Region 1500 Verlierer willkommen geheissen hat

Es ist die grösste Flüchtlingswelle, die die Schweiz je erlebt hat. Ein Denkmal in Uster erinnert noch heute an die hier verstorbenen internierten französischen Soldaten.

Auf dem Ustermer Friedhof ist für die hier verstorbenen Bourbakis ein Denkmal errichtet worden. , Auf der Rückseite der Stele prangt eine Rosette der Souvenir Français., Die Erinnerungsstätte liegt neben dem alten Ustermer Friedhofgebäude., Dieses Bild von Uster dürfte sich den Internierten geboten haben. Die Lithografie mit der Zentralstrasse entstand um 1870. , Die Fabrik Zangger an der Seestrasse 3 (Aufnahme von 1901) diente den Internierten als Unterkunft. , Die Methodistenkapelle (hier auf einer Aufnahme von 1901) wurde 1871 zum Pockenspital umfunktioniert., Im Gasthof neben der Ustermer Burg (Aufnahme um 1900) wurden die französischen Offiziere einquartiert.

Bild: Stadtarchiv & Kläui Bibliothek Uster

Als die Region 1500 Verlierer willkommen geheissen hat

« Du siehst ja aus wie ein Bourbaki. »  Diese Bezeichnung dürfte so mancher Schweizer Soldat auch heute noch zu hören kriegen, wenn seine Uniform nicht korrekt sitzt. Der Vergleich spottet jedoch der tatsächlichen Verfassung, in der die französischen Soldaten waren, die vor 150 Jahren in der Schweiz interniert wurden. Die Angehörigen der nach ihrem Kommandanten Bourbaki benannten Armee waren « meistens eher in Lumpen als in Uniformen gehüllt, schmutzig am ganzen Körper, die Füsse mit dem elendesten Schuhwerk bekleidet » , wie ein Oberländer Grenzschützer aus dem Jura dem « Freisinnigen »  berichtete.

Nur vier Tage, nachdem die Schweiz ihre Grenzen für die von den deutschen Truppen bedrängten Franzosen geöffnet hatte, kriegten die Oberländer die geschlagenen Soldaten selbst zu Gesicht. Dübendorf, Pfäffikon und Uster waren zum Kantonierungsbezirk Uster zusammengeschlossen worden. In Wetzikon gab man sich düpiert, wieso « unsere Gemeinde bei der Zuteilung der französischen Truppen leer ausging » .

Grosser Bahnhof

Fast 1500 Internierte wurden auf diese drei Gemeinden aufgeteilt: 312 kamen in Dübendorf in der Kirche, dem Sekundarschulhaus und dem Bethaus des Jünglingsvereins unter, 300 wurden in Pfäffikon einquartiert und 866 nach Uster gebracht.

Gegen 20 Uhr kam der Extrazug am 4. Februar 1871 an. Der Zug war zwölf Stunden zuvor in Neuenburg abgefahren. Am Bahnhof wurden die Soldaten von einer grossen Menschenmenge in Empfang genommen – ein Bild, wie es in vielen anderen Internierungsorten zu sehen war. Angesichts des Zustandes der geschlagenen Truppe wandelte sich die Neugier aber bald in Mitleid um: « Abgemagert, entkräftet, hinkend und müde, oh, so müde. Manche glühten im Fieber, schauten dem Tod in die Augen » , wurde in den Pfarrblättern von Uster berichtet.

Viele hatten keine Schuhe mehr, sondern nur noch Lumpen an den Füssen. Die zerschlissene Uniform der meisten bestand aus einer roten Hose, einem dunkelblauen Waffenrock, einer Flanellbinde, einer Pelerine und einem Käpi auf dem Kopf. Besondere Aufmerksamkeit erregten die Zuaven und Turkos, « ein paar Dutzend braune, etwas unheimliche Gesellen aus den nordafrikanischen Kolonien, denen man nachts wohl nicht gerne alleine begegnet wäre » , wie es in den Pfarrblättern weiter hiess. Die Infanteristen mit Elitecharakter brachten mit ihren Pluderhosen und orientalischen Kopfbedeckungen etwas Exotik nach Uster. Die meisten Internierten stammten jedoch aus den beiden französischen Departements Gironde und Isère.

Bewacher logierten in Gasthöfen

Für die Bewachung der Franzosen wurde eine 150 Mann starke Jägerkompanie herangezogen. Diese wurden in den Gasthöfen Kreuz, Sonne und Sternen einquartiert. Einiges Kopfzerbrechen bereitete den Ustermer Gemeindeoberen die Unterbringung der Franzosen. Der grösste Teil von ihnen erhielt einen Strohsack im noch leer stehenden neuen Fabrikgebäude der Spinnerei Zangger – dieses wurde 100 Jahre später für den Bau des Uschter77-Einkaufszentrums abgebrochen. Als Offiziersunterkunft diente die Wirtschaft bei der Burg Uster. Die Kranken und Verwundeten wurden auf das alte Schulhaus und ein Gebäude an der Gerberstrasse verteilt.

Breite Unterstützung

Die Ustermer Bevölkerung unterstützte die Internierten nach Kräften, wie zeitgenössische Berichte des « Anzeigers von Uster »  zeigen. Vor allem die Frauenvereine engagierten sich: Kleider wurden für die Männer gesammelt und deren Uniformen geflickt. Und fürs leibliche Wohl gab es Äpfel, Most und Schnaps.Das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den Soldaten sei sogar recht herzlich geworden.

Und sie gaben kaum Anlass zu Klagen, anders als die « eidgenössische Bewachungsmannschaft oder die Uster-Damenwelt, die sich durch schamlose Zudringlichkeit und Unanständigkeit sehr unvorteilhaft bemerkbar machten » , wie der Arzt Otto Werdmüller in seinen Lebenserinnerungen festhielt.  

Patronen gegen Zigaretten

Die Internierten wussten sich auch selbst zu helfen. So gruben sie auf den nahen Wiesen Löwenzahn aus. Die Blätter wurden als Salat angerichtet und aus den gedörrten Wurzeln gab es so etwas wie Kaffee. Täglich unternahmen sie Ausmärsche nach Dübendorf und Pfäffikon zu ihren Kameraden. Jeder Ausmarsch wurde von zahlreichen Kindern begleitet. Schliesslich gab es für beide Seite interessante Tauschhandel.  Die Jungen brachten von daheim Zigaretten oder sogar Geld und erhielten dafür « Cartouches » , scharfe Patronen, die den Soldaten beim Grenzübertritt offenbar nicht alle abgenommen worden waren.

Mehrfach wurde der Tag mit einem Marsch durchs Dorf beschlossen. Voraus schritten Tambouren des Ustermer Kadettenkorps, die ihrerseits von französischen Trompetern mit ihren Clairons begleitet wurden.

Pockenspital in Kapelle

Doch dann brachen unter den Internierten die Pocken aus. Daher wurde die Methodistenkapelle an der Bahnstrasse zum Pockenspital umgerüstet. Bis zum 10. März starben in Uster acht Soldaten, die meisten an Typhus und Pocken. Sie wurden hier begraben. Auch in Pfäffikon kam ein Internierter um.

Später wurde für die Verstorbenen auf dem Ustermer Friedhof ein Denkmal neben dem alten Friedhofgebäude errichtet. Der lorbeerbekränzte Stein trägt neben den Namen der Verstorbenen die Inschrift: « Zur Erinnerung an die im Jahre 1871 verstorbenen französischen Soldaten. »

Frankreich saniert Ustermer Denkmal

Die Zeit ging nicht spurlos am Denkmal vorbei. Risse riefen nach einer Sanierung. Der für die französischen Soldatendenkmäler und Grabstätten im Ausland zuständige « Souvenir Français » , der von einer Ustermerin benachrichtigt worden war, nahm sich 2003 der Sache an: Der Ustermer Bildhauer Jurij Kolb reparierte die Schäden fachgerecht. Seither trägt das Denkmal auf der Rückseite eine kleine Rosette in Frankreichs Farben. Die Kosten für die Renovation übernahm der französische Staat.

Einen guten Monat nach ihrer Ankunft im Oberland konnten die Internierten nach dem Friedensschluss in die Heimat zurückkehren. Am 15. März 1871 um vier Uhr morgens nahmen die Ustermer Abschied von den Franzosen. « Dass die französischen Internierten auch der hiesigen Damenwelt nicht ganz gleichgültig gewesen sind, das beweisen nicht nur diese oder jene corpus delicti, sondern es zeugt hierfür auch die überaus grosse Zahl der Anwesenden, die sich zu so ungewohnter Stunde auf dem Bahnhof einfanden, um den Scheidenden ein freundliches Adieu zuzurufen » , berichtete der « Anzeiger von Uster » . Und die Internierten liessen im Lokalblatt ein langes Dankesschreiben an die Ustermer für deren grosse Opferbereitschaft abdrucken.

Die Bourbakis in der Schweiz

Die Bourbaki-Armee, benannt nach ihrem ursprünglichen Oberbefehlshaber General Charles Denis Bourbaki, gehörte zur französischen Streitmacht im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Beim Versuch, einem deutschen Vorstoss auszuweichen, wurde die Armee – aus den Kolonien abgezogene Soldaten, die nur für sommerliche Temperaturen ausgerüstet waren –  Ende 1870 an die Schweizer Grenze abgedrängt.

Um einer drohenden Gefangenschaft zu entgehen, entschieden die französischen Befehlshaber, sich mit ihrer Truppe in die Schweiz zurückzuziehen. Tatsächlich gestattete die an sich neutrale Schweiz den Übertritt. Und so überquerten in den ersten Februartagen 1871 rund 85’000 Soldaten mit 10‘000 Pferden und 200 Geschützen im schneeverwehten Waadtländer Jura die Grenze zur Schweiz. Diese entwaffneten Soldaten wurden auf 188 Gemeinden in der ganzen Schweiz verteilt. Während rund zwei Monaten wurden die Soldaten ver- und wenn nötig auch gepflegt. Erst nach Abschluss eines Friedensvertrages zwischen Deutschland und Frankreich konnten sie wieder in ihr Heimatland zurückkehren.

Von den Internierten starben nicht weniger als 1700 Mann an den Folgen von Verletzungen und Krankheit. Frankreich entschädigte die Schweiz für die Aufnahme der Armee mit rund zwölf Millionen Franken, eine stattliche Summe, würde dies doch heute gemäss dem historischen Lohnindex rund 600 Millionen ausmachen.

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