Pfändungen, Beschimpfungen und die Angst ums eigene Leben
Es ist ein unscheinbarer Eingang, der ins Betreibungsamt Uster führt. Eine Hintertür eines Grossverteilers an der Winterthurerstrasse. Kurz vor dem Wartesaal, wo öfters Gläubiger auf Schuldner treffen, gibt es noch eine letzte Gelegenheit, den Weg zum Neurologen oder dem Massagestudio einzuschlagen.
Für Mario Borra, Stadtammann und Betreibungsbeamter, ist das für Kunden, die nicht gerne beim Betreten des Betreibungsamtes gesehen werden, ein Vorteil. «Kunden» so nennt Borra Schuldner, Gläubiger und andere, die das Amt aufsuchen. «Als ich 1994 die Arbeit anfing, haben sich die Leute noch wegen ihrer Schulden geschämt», sagt Borra in seinem Büro. In der heutigen Konsumgesellschaft sei das anders. «Da plaudern auch mal zwei zusammen und fragen sich gegenseitig nach der Höhe der Schuldenlast und welches Luxusauto sie fahren.»
In jeder Schublade suchen
Stadtammann und Betreibungsbeamter – Borras Berufsbezeichnung klingt trocken, seine 27 Jahre in dem Job waren aber alles andere. Denn der 60-Jährige bekommt die Schicksale von Schuldnern nicht nur in seinem Büro erzählt, er erlebt sie auch hautnah, wenn er in den Stuben und Schlafzimmern der Betroffenen steht, deren Sachen er als Betreibungsbeamter pfänden muss.
«Der Mann hat schon im Vorfeld gedroht, mich zu erschiessen.»
Mario Borra, Stadtammann und Betreibungsbeamter
Dies ist in der Schweiz im Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs geregelt. Nach dem Zahlungsbefehl bleibt dem Schuldner eine 20-tägige Zahlungsfrist. Wird der geschuldete Betrag in dieser Zeit nicht beglichen, kann der Gläubiger eine Pfändung verlangen. Danach wird abgeklärt, wie ein Schuldner die offenen Rechnungen begleichen kann.
Für Mario Borra kann daraus folgen, dass er unangekündigt zu den Leuten nach Hause geht und in ihrer Wohnung nach pfändbaren Wertgegenständen wühlt. Dazu gehören etwa Schmuck, Bilder oder Fernseher. Dagegen muss er beispielsweise das Bett oder einen Tisch stehen lassen. «Der Kunde muss sämtliche Behältnisse auf unsere Aufforderung hin öffnen. Macht er das nicht, öffnen wir sie.» Wehrt sich jemand dagegen, rufe er die Polizei, sagt Borra.
Suizidfall in Wohnung
Oder er pfändet gleich an Ort und Stelle im Betreibungsamt. So habe er einst eine 17-Jährige am Schalter gehabt, die wegen Schwarzfahrens 850 Franken Schulden gehabt habe. Die junge Frau habe sich erstaunlich gut mit dem Betreibungsprozedere ausgekannt. Bei ihr gebe es nichts zu holen, habe sie gesagt und ihr neues iPhone neben sich auf den Tresen gelegt. Worauf Borra der Frau das Handy wegnahm und für gepfändet erklärte. «Zwei Stunden später kam die Frau mit 900 Franken zurück, um das Pfandstück wieder in Besitz nehmen zu können», sagt Borra.
Pfändungen seien für die Betroffenen oft schwierig. «Das ist ein starker Eingriff in deren Privatsphäre.» Einen tragischen Vorfall erlebte Borra, als er einen Schuldner in einem alten Haus aufsuchte. «Ich stieg eine dunkle steile Holztreppe empor und habe plötzlich meinen Kopf an zwei baumelnden Füssen gestossen. Der Mann hatte sich erhängt.»
Beleidigungen und Drohungen
Als Betreibungsbeamter und Stadtammann muss Borra eine dicke Haut haben. Beschimpfungen und Beleidigungen musste er in seiner Berufslaufbahn immer wieder erdulden. «Hurensohn, verlogener Drecksau-Tschingg oder eine schriftliche Anrede ‹an die Wixer vom Betreibungsamt›», nennt Borra als Beispiele.
Einmal habe er gar um sein Leben fürchten müssen. Ein Schuldner sei eines Tages mit der geladenen Waffe in seinem Büro aufgetaucht. «Der Mann hat schon im Vorfeld gedroht, mich zu erschiessen», sagt Borra. Doch so weit kam es nicht. «Wir haben sofort die Stadtpolizei alarmiert. Als der Bewaffnete dies bemerkte, flüchtete er.» Zuhause wurde der Mann verhaftet, doch abermals drohte er Borra mit der Erschiessung. Der Stadtammann erhielt daraufhin Polizeischutz.
Betrügerischer Gläubiger
Neben den Schuldnern hat das Betreibungsamt mit Gläubigern zu tun, die aber eher selten persönlich anwesend sind. «Die häufigsten sind Krankenkassen, Inkassobüros und Steuerämter.» Auch die Miete würde oft nicht bezahlt. Und wer dann mal so einen «Tolken», wie es Borra nennt, im Betreibungsauszug drin hat, hat während der fünf Jahre bis zur Löschung des Eintrags oft einen schweren Stand, beispielsweise bei der Wohnungssuche.
Aber auch auf Seiten der Gläubiger gibt es schwarze Schafe. Er habe schon vermeintliche Gläubiger gehabt, die sich als Betrüger herausgestellt hätten. «In einem Fall hat einer bewusst ältere Leute wegen eines Darlehens betrieben. Einige bezahlten aus Scham, um den Kontakt mit dem Betreibungsamt zu vermeiden, obwohl sie wussten, dass sie niemandem Geld schulden.»
Dabei obliege es nicht dem Betreibungsamt, solche Machenschaften aufzudecken. Es werde nur eine formelle Prüfung gemacht. Ob eine materielle Forderung tatsächlich gerechtfertigt sei, gehöre nicht zum Aufgabenbereich. In Fall des Betrügers hätten sie aber einem Geschädigten einen Tipp gegeben, er soll Strafanzeige wegen Betrugs einreichen, was letztendlich zu einer Verurteilung des Betrügers geführt habe.
Zwangsräumung mit Tierkadavern
Als Stadtammann habe er noch weitgehendere Aufgaben als diejenigen des Betreibungsbeamten. Dazu gehört das Vollstrecken richterlicher Verbote oder die Beglaubigungen von Unterschriften. Früher wurde der Amtsinhaber vom Ustermer Stimmvolk gewählt . Von 1994 bis 2010 wurde Borra ohne Gegenkandidat gewählt. 2010 wurde diese Volkswahl in Uster abgeschafft und er per Arbeitsvertrag angestellt.
Auch Zwangsräumungen von Wohnungen gehören zum Beruf. Borra erinnert sich an seine erste: «In der Wohnung einer betagten Frau war ein langer Korridor mit einem Teppich. Als ich darüber lief, bemerkte ich, wie uneben der Boden war. Also entfernte die Umzugsfirma den Teppich und darunter kamen tote Kaninchen, Mäuse, Meerschweinchen und Kanarienvögel zum Vorschein.» Der Boden sei entsprechend mit Maden übersät gewesen. «Und unter dem Teppich hielt die Frau 5000 Franken in Fünfliber versteckt.»
«Wer einmal in den Schulden steckt, kommt nur schwer wieder raus.»
Mario Borra, Stadtammann und Betreibungsbeamter
Borra sagt, er treffe bei Zwangsräumungen immer wieder auf Wohnungen, die zugemüllt und deren Briefkästen zum Bersten voll seien. Oft hätten sich diese Leute aufgegeben, seien verwahrlost. Schicksale, die den 60-Jährigen nicht kaltlassen. «Wichtig ist, dass wir im Team über solch belastenden Fälle sprechen und nichts in uns reinfressen», sagt Borra. Dabei helfe ihm auch Bewegung. «Ich versuche, das an der frischen Luft mit Velofahren oder joggen zu verarbeiten.»
Es gebe immer auch Leute, die unverschuldet Rechnungen nicht mehr bezahlen könnten. Die ausgesteuerten Arbeitslosen, die keinen Job mehr finden. Vielfach seien das ältere Leute, sagt Borra. «Wer einmal in den Schulden steckt, kommt nur schwer wieder raus.»
Auch nach der Pensionierung will Borra noch hin und wieder temporär als Betreibungsbeamter arbeiten. Entsprechende Anfragen habe er schon bekommen, sagt er. Und sicherlich werde er weiterhin seine Rechnungen pünktlich zahlen. «Das ist das A und O im Leben, das habe ich auch meinen Kindern so mitgegeben.»
Eine Frau als Stadtammann
Mario Borra gibt sein Amt als Stadtammann und Betreibungsbeamter nach rund 27 Jahren ab. Der 60-Jährige hat sich für eine Frühpensionierung entschieden. Seine Nachfolgerin Simona Berchtold wird die Stelle ab 1. Januar 2021 übernehmen.
