«Applaus genügt nicht»
Barbara Peter vom Frauenstreik-Kollektiv Zürcher Oberland war im letzten Jahr Mitorganisatorin des Frauenstreiktages in Uster. Auf den Tag genau ein Jahr später traf sich das Kollektiv zum gemeinsamen «Frau*lenzen und ‹Queerstellen›» – wie die Gruppe ihre Aktion nannte – im Stadtpark Uster. Dort trugen die etwa 12 Frauen ihre Botschaften und Anliegen mit selbstgeschriebenen Schildern erneut in die Öffentlichkeit.
Barbara Peter, vor einem Jahr war der Frauenstreik. Sind Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern seither verschwunden?
Barbara Peter: Nein, verschwunden ist noch nichts. Die Ungleichheiten bestehen weiterhin, sie sind aber mit dem Frauenstreiktag sichtbarer und im öffentlichen Diskurs präsenter geworden.
Haben Sie ein Beispiel?
Während des Lockdown hat sich wieder einmal gezeigt, wie ungleich Familienarbeit immer noch zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Es sind in grosser Überzahl Frauen, die Teilzeit arbeiten und den Bärenanteil der Familien- und Hausarbeit übernehmen. Im Lockdown mussten sie dann zudem auch die Kinderbetreuung, das Homeschooling und das eigene Homeoffice bewältigen.
«Als Frauen wissen wir zudem nur zu gut, was es heisst Diskriminierung ausgesetzt zu sein.»
Muss das Frauenanliegen in Zeiten von Klimawandel und Antirassismusbewegung um Aufmerksamkeit buhlen?
Im Gegenteil. Themen wie Rassismus, Homophobie, Sexismus oder Umweltanliegen sind Anliegen, welche auch die Feministische Frauenbewegung verfolgen. Wir solidarisieren uns mit den zurzeit protestierenden Menschen, weil Gleichbehandlung aller Menschen, unabhängig von Herkunft und Geschlecht, eine grundlegende Forderung des Feminismus ist. Als Frauen wissen wir zudem nur zu gut, was es heisst Diskriminierung ausgesetzt zu sein.
In der aktuellen Rassimusdebatte in den USA sind Stimmen von Afroamerikanern laut geworden, die die Einmischung der Weissen in ihren Protest aus verschiedenen Gründen kritisierten. Sind Männer bei Ihnen willkommen, die sich für die Rechte der Frauen stark machen?
Wenn ganze Menschengruppen systematisch nicht gehört werden, dann führt dies verständlicherweise zu grosser Frustration. Sich Gehör verschaffen, ist deshalb ein zentrales Bedürfnis vieler Protestbewegungen. Das schliesst aus meiner Sicht aber nicht aus, dass sich Menschen ausserhalb dieser Bewegung solidarisieren und ihren Teil zu einer positiven Entwicklung beitragen können. Die spezifischen Formen müssen jedoch jeweils diskutiert werden.
Vor einem Jahr machte eine Aktion des Frauenstreik-Kollektiv Zürcher Oberland besonders von sich Reden. Am Vorabend des 14. Juni wurden Strassenschilder mit Namen weiblicher Persönlichkeiten überklebt. Sind solche medienwirksamen Aktionen wichtig für Sie?
Mitkreativen und lustvollen Aktionen Aufmerksamkeit für unsere Anliegen schaffen, hat eine wichtige Funktion. Dabei geht es immer um den Transport unserer Inhalte. Dazu gehörte auch der Flashmob vom vergangenen März, den wir aus Solidarität zu den argentinischen Frauen im Stadtpark Uster vor dem Lockdown durchgeführt haben. Die Argentinierinnen haben mit dem Flashmob gegen Gewalt an Frauen demonstriert. Das Thema der Gewalt gegen Frauen ist auch bei uns ein zentrales Anliegen.
Stadträtin wegen Frauenstreik-Aktion gebüsst
16.10.2019

Ustermer Strassenschild überklebt
Primarschulpräsidentin Patricia Bernet (SP) überklebte am Abend vor dem Frauenstreiktag ein Stras Beitrag in Merkliste speichern Welche Missstände beschäftigt das Frauenstreik-Kollektiv Zürcher Oberland sonst noch?
Die Frage, wie es Frauen geht, die in die Schweiz geflüchtet sind, ist bei uns ein wichtiges Thema. Einige Frauen des Ustermer Kollektivs besuchten das Durchgangszentrum Egg. Dort mussten wir feststellen, dass die beengten Bedingungen, die soziale Isolation und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit für die Frauen ein Problem sind. Aktuell beschäftigt uns die Frage, wie wir diesen Frauen eine Stimme geben können.
Was ist geblieben von der letztjährigen Protestbewegung?
Der 14. Juni war eine Manifestation unserer Bewegung und ein Fest. Die Kraft und Energie an diesem Tag war unglaublich! Die enorme Solidarität unter den Teilnehmer innen schürt die Hoffnung, dass eine Entwicklung und Veränderung möglich ist. Der Anlass hallt immer noch nach und daraus entstand beispielsweise auch das Frauenstreikhaus in Zürich. Es ist ein feministisches Kulturzentrum entstanden, welches Begegnung, Auseinandersetzung und Austausch ermöglicht.
Pflegeberufe werden oft von Frauen ausgeübt, gibt es nun seit Corona eine Solidarisierung mit den Pflegerinnen?
Applaus genügt sicherlich nicht. Mit dem Virus ist sichtbar geworden, wie systemrelevant der Beruf ist. Dennoch muss der Gesellschaft zu denken geben, dass heute etwa 50 Prozent der Pflegerinnen und Pfleger ihre Arbeit aufgeben. Da der Anteil der Frauen in dem Beruf etwa 70 Prozent ausmacht, sind es auch meist sie, die den Job quittieren. Pflegerinnen müssen wahnsinnig viel Arbeiten für einen knausrigen Lohn und haben dabei viel zu wenig Zeit für die Pflegebedürftigen.
Zur Person:
Barbara Peter ist Dozentin und Trainerin für Auftritt und Kommunikation an diversen Hochschulen und ursprünglich Schauspielerin . Sie wohnt in Uster und ist aktives Mitglied des Frauenstreik-Kollektivs Zürcher Oberland.
