Mühseliges Aufstehen und Vorfreude auf fette Schulkollegen
Am Montagmorgen sehen die Buspassagiere am Bahnhof Uster etwas, das sie seit zehn Wochen nicht mehr an diesem Ort gesehen haben: Kantonsschüler in Fleisch und Blut. Zwei Schülerinnen begrüssen sich an der Haltestelle auf eine Art, die Mr. Corona Daniel Koch wohl ein Lächeln aufs Gesicht zaubern würde – sie berühren sich nur mit den Schuhspitzen. Dann stösst eine dritte dazu, und umarmt eines der Mädchen.
Im Bus, der die nun zahlreich versammelten Gymischüler in die Kanti bringt, setzt sich ein Schüler zu einer Kollegin. «Oh Shit, ich habe zuhause mein Buch verloren», sagt er, «frag mich nicht, wie ich das geschafft habe.» Die Mitschülerin lacht.
Noch mehr Umarmungen
An der Haltestelle «Bildungszentrum» leert sich der Bus, und die Kantonsschüler strömen in Richtung des Bildungszentrums (BZU). Beim Container-Provisorium, dem sogenannten Parkschulcampus, biegen die Erst- und Zweitklässler ab. Sie werden im Gegensatz zu den höheren Stufen in vollständigen Klassen unterrichtet.
So geht Schule in Corona-Zeiten
In der Kantonsschule Uster findet wieder Präsenzunterricht statt. Ein Morgen mit verbotenen Umarmungen, Abstand halten und Kakteen auf den Tischen. Zum Bericht >>
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Vor dem BZU umarmt eine Kantischülerin einen Schulkollegen. Der sichtlich glückliche Junge hat heute Geburtstag. Die anderen Mädchen, die sich zuvor strikt an die Abstandsempfehlungen gehalten haben, schliessen sich der Umarmung an. Kurz vor der ersten Stunde um 7.30 Uhr erzählt man sich innerhalb der Gruppe noch ein paar Anekdoten, dann betreten die Schüler zusammen mit anderen das Gebäude.
Kakteen für Sicherheitsabstand
Am Eingang steht ein Mitarbeiter des Hausdienstes in gelber Leuchtweste. Kantonsschulrektor Patrick Ehrismann erklärt: «Der Mitarbeiter achtet darauf, dass sich die Schüler nicht zu einem grossen Pulk formieren.» Das sei bis jetzt nicht der Fall gewesen, trotz einiger hundert Schüler. So viele sind es immer noch, auch wenn von der 3. bis zur 6. Klassen nur in Halbklassen unterrichtet wird und die Maturanden gar nicht mehr zur Schule kommen.
«Auch auf Frau Bossard habe ich mich – ohne Scheiss – sehr gefreut.»
Valentin Köpfli, Kantonsschüler Uster
Das BZU ist gemäss dem aktuellen Schutzkonzept eingerichtet. In den Gängen stehen Behälter mit Desinfektionsmittel, auf den Treppen herrscht Einbahnfussverkehr, die Gehrichtungen der Korridore sind mit Pfeilen markiert – die Mitte des Gangs ist Sperrgebiet. In einigen Schulzimmern wurde ein kleiner Kaktus platziert, dahinter ein Schreiben der Schulleitung mit der Botschaft: «Als Symbol und als Reminder an eine der wichtigsten Regeln, die 2-Meter-Abstandsregel, steht hier ein Kaktus.»
Kaffee für Schüler
Auch auf dem Schreibtisch von Englischlehrerin Andrea Bossard steht ein solcher Kaktus. Bossard unterrichtet am Morgen neun Mädchen und zwei Jungen in ihrer Klasse. Viele sitzen allein an einem Zweiertisch, von dem die eine Seite mit rot-weissem Absperrband abgeklebt ist. Die Klasse diskutiert über den Fall des von US-Polizisten getöteten Afroamerikaners Georg Floyd.
Der 16-jährige Valentin Köpfli sitzt in der hintersten Reihe: «Ich bin froh, meine Kollegen wieder zu sehen. Auch auf Frau Bossard habe ich mich – ohne Scheiss – sehr gefreut.» Er habe viel geschlafen und viel gelesen, seit der Schulunterricht nach Hause verlagert worden ist. Deswegen sei auch das frühe Aufstehen noch ein wenig gewöhnungsbedürftig. «Kaffee hilft», sagt Köpfli.
Lehrerin findet’s «mega»
Die junge Lehrerin Andrea Bosshard sagt: «Für mich war die erste Stunde mega schön. Ich hab den direkten Austausch und den Kontakt mit meinen Schülerinnen und Schülern genossen.» Während des Lockdown sei sie zwar über den Bildschirm mit ihren Schülern verbunden gewesen, «doch der Screen hat uns auch getrennt».
Extra-Abstand fürs Singen
In einem Musikzimmer unterrichtet Lehrer Raffael Schwalt eine Klasse. Die elf Schülerinnen und Schüler klopfen im Rumba-Takt mit einem Hölzchen gegen ihr Pult. Ein paar Mädchen kichern dabei.
Schwalt sieht Schwierigkeiten bei der Probe mit dem Schulorchester auf sich zukommen: «Beim Singen und Musizieren mit Blasinstrumenten wird ein Dreimeterabstand empfohlen. Proben mit dem ganzen Orchester sind deshalb nicht möglich.» Ob das Orchester bis zu den Sommerferien in Registern probe, sei noch nicht entschieden.
Auch im Musikunterricht ist heute wegen Corona nur die halbe Klasse anwesend. Die andere Hälfte lernt zuhause. Eine Schülerin erzählt, dass sie sich vor allem darauf gefreut habe, zu sehen, wie sich ihre Klassenkameraden optisch verändert hätten. «Ein paar sind fetter geworden – ich auch», sagt die junge schlanke Schülerin. Während die Kantonsschule geschlossen war, habe sie nur wenig gelernt. Dafür entdeckte sie neue Hobbys: «Ich habe Schokoladenkuchen gebacken und gestrickt.»
Der steinige Weg in den Pausenhof
Um 10 Uhr geht es in die grosse Pause. Trotz der zahlreichen Kantons- und Berufsschüler entsteht kein Gedränge im Innenhof. Einige Schüler bleiben auf Empfehlung der Lehrer in den Klassenräumen. Im Gang dürfen sie sich nicht aufhalten.
Drei Kantonsschülerinnen vom nahe gelegenen Parkschulcampus verbringen die Pause auf dem Hof des BZU, da sie hier nachher in Physik unterrichtet werden. Während die physikalischen Grundgesetzte den Schülerinnen keine Probleme bereiten, haben sie mit den vektoriellen Grössen auf dem Boden, also den Pfeilen in den Korridoren, noch ihre Schwierigkeiten. Eines der Mädchen sagt: «Es ist komisch mit Kolleginnen hintereinander in einer Reihe den Gang entlangzulaufen.»
So sehen Wetziker Kantischüler die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts
Kollegen sehen ja, Corona-Einschränkungen nein. Die Berufsschüler und Gymnasiasten, die am Montagmorgen erstmals nach gut drei Monaten wieder physisch in Wetzikon zur Schule gehen, sind sich da ziemlich einig. «Wir dürfen nicht mal die Türe anfassen, der Unterricht findet also mit offenen Türen statt», sagt Julia Flüeler (18), die das Eidgenössische Berufsattest absolviert, und schüttelt den Kopf. «Und auch das mit den zwei Metern Abstand. Ich habs langsam gehört.» Auch ihre Kollegin Zarina Berger (19) hat gemischte Gefühle. «Aber es ist schon besser, zur Schule zu gehen, als sich alles selber beizubringen.»
Das bestätigt auch KZO-Schüler Jassin Rezika (17). «Homeschooling war schon okay, aber auch mühsam. Ich spürte starke Motivationsschwankungen.» Insofern sei die Freude auf den Halbklassenunterricht schon gross. Luka Smakic (17), Tobias Langhart (15) und Michael Vujicic (17), ebenfalls KZO-Schüler, hatten nicht etwa Motivationsschwankungen, sondern so ziemlich gar keine Lust zum Lernen während des Lockdowns. «Ich war sehr einfach ablenkbar», sagt Langhart und Smakic findet, er sei richtig faul gewesen. «Ich habe Filme geschaut und gezockt.» Vujicic sagt, insofern sei schon gut, dass die Schule wieder beginnt. «Allerdings finde ich bei den Massnahmen nur einen Teil gut, andere Sachen sind übertrieben.»
Kantischüler Fabian Altorfer fragt sich generell, ob die Massnahmen überhaupt einhaltbar sind. «Ich meine: Zwei Meter Abstand. Das geht vielleicht im Klassenzimmer, aber doch nicht auf den Gängen.» Aber die Rückkehr sei schon gut. «Es war schön, mehr frei zu haben, aber mir hat auch der Zusammenhalt gefehlt, die Diskussionen, die Kollegen.» (kö)
