Der Künstler, der Häuser von Maur bis Chicago zeichnete
Wenn Godi Leiser eine Schweizer Stadt zeichnete, sass er meist auf einem Turm oder einem Baukran. «In den achtziger Jahren hatte ich das, was ich rückblickend meinen Kranfimmel nenne», schrieb Leiser. Habe er irgendwo in einer schmalen Gasse einen «schlanken Gitterturm» zum Himmel ragen sehen, dann habe es ihn gepackt und er habe hinauf müssen. Dafür musste er im Baubüro eine Erklärung unterschrieben, dass er selber schuld sei, wenn er herunterfalle.
Doch so weit kam es nie. 2009 starb der Künstler eines natürlichen Todes. Die letzten 42 Jahre seines Lebens verbrachte Godi Leiser in Maur. Diese Woche findet zu Ehren seines 100. Geburtstag eine Ausstellung statt (siehe Box).
Des Vaters Lieblingswort
Eines von Godi Leisers Lieblingsworten war «sauschön». So stellt Anna Leiser, die Tochter des berühmten Grafikers, Zeichners und Künstlers, in ihrer Zürcher Wohnung dar, wie ihr Vater die Ausstellung anlässlich seines Geburtstags eröffnen würde: «Sauschön, dass die Ausstellung heute stattfindet!» Und dazu würde der Vater breitbeinig im Raum stehen und den Ausruf mit lebhaften Gesten begleiten.
«Wir suchten am Stubentisch, anhand der Fotografie des Autos, die richtige Farbe für ihn aus.»
Anna Leiser, Tochter von Godi Leiser
Godi Leiser kam 1920 in St. Gallen auf die Welt. Mit sechs Jahren zeichnete er sämtliche Autos, die er in der Stadt zu Gesicht bekam – es sollte später, viele Jahre sein Broterwerb werden.
Doch der Vater von Godi vereitelte erst mal den Drang des heranwachsenden Sprösslings, eine Karriere als Grafiker einzuschlagen. Eine Banklehre sollte für die finanzielle Absicherung sorgen. Godi Leiser tat, wie der Vater wünschte, machte aber danach – während des Zweiten Weltkrieges – eine Ausbildung als Grafiker.
Farbenblindheit als Hürde
Nach dem Krieg siedelte Godi Leiser von St. Gallen nach Zürich über und reiste ins Ausland. In Amsterdam lernte er seine Frau kennen. 1955 kam Anna Leiser als erste Tochter dieser Ehe auf die Welt, zwei Brüder sollten später folgen.
Anna Leiser erinnert sich wie ihr Vater täglich seine Ledertasche mit Tuschfässchen, Feder, Papier und ein paar Kartons packte, und aus dem Haus ging. Seine ersten Aufträge als Grafiker kamen von Automobilfirmen und Erdölunternehmen. Für deren Werbung erstellte er Tuschzeichnungen der Automodelle: Chrysler, Renault, BMW oder Mercedes – alles ging über Leisers Zeichnungsunterlage. Dazu zeichnete er dem Auftrag entsprechend, lächelnde Personen oder mediterrane Häfen. Das meiste blieb schwarz-weiss. Kam Farbe ins Spiel, hatte der Grafiker ein Problem: Er war farbenblind. In solchen Fällen half die Familie: «Wir suchten am Stubentisch, anhand der Fotografie des Autos, die richtige Farbe für ihn aus.»
«So eine verschandelte Landschaft»
Auch für die Swissair und Ovomaltine zeichnete und fotografierte Godi Leiser. Für das Schokoladenprodukt musste die ganze Verwandtschaft als Modell herhalten. «Ich fütterte Schwäne, während mein Vater mich fotografierte.»
In den 60er-Jahren erhielt der Vater einen Auftrag des damaligen Schweizerischen Bankvereins. Wo die Bank eine Filiale eröffnete, sollte er die Dörfer und Städte zeichnen. Die Zeichnungen sollten später als Kundengeschenke dienen. Dem ästhetischen Auge des Grafikers war das Ortsbild manchmal zuwider, wie sich Anna Leiser erinnert: Beispielweise habe er nach einem Besuch im Luzernischen Emmenbrücke gesagt: «So eine verschandelte Landschaft.» Um dennoch ein schönes Bild zu zeichnen, habe er im Ort lange eine passende Stelle gesucht, und anstelle der Häuser und Strassen die Landschaft betont.
Kein Baum ging vergessen, kein Fenster wurde ausgelassen. «Mein Vater war manchmal zwei bis drei Tage vor Ort beschäftigt. Und am Abend zeichnete er noch bei uns in der Stube die vielen Ziegel auf die Hausdächer – ohne dabei reich zu werden.» Leiser zeichnete Weltstädte wie Paris, Tokyo und Chicago, aber auch Oberländer Orte wie Effretikon oder Maur.
Die Liebe zu Maur
An die Greifensee-Gemeinde verschlug es die junge Familie 1967. Godi Leiser hielt seine Liebe zu dem kleinen Ort schriftlich fest: «Ich bin froh, dass ich auf der Wohnungssuche nach Maur geraten bin. Im frevelhaften Leichtsinn habe ich dort im Oberdorf, am Waldrand über dem Dorfbach, ein Haus bauen lassen.» Der Familie sei es hier immer wohl gewesen, schreibt er weiter. Später bezog er das Atelier in der Burgscheune Maur.
Anna Leiser war zwölf, als die Familie nach Maur zog. «Wir Kinder hatten hier eine tolle Jugend, bauten im Wald Hütten oder ruderten in der Nacht über den Greifensee.»
«Sauschöner Heugümper»
Anna Leiser beschreibt ihren Vater als charmanten, geselligen Menschen. Einer der in der Diskussion mit der Mutter das Zeitgeschehen kritisch oder gar zynisch kommentierte. Ein Vater, der sich sehr mit seiner Arbeit identifiziert hat. Gleichzeit habe er den drei Kindern während Spaziergängen das Auge geschärft: «Schau der Heugümper, schau wie sauschön der ist!»
Anna Leiser ist stolz auf ihren Vater. Ganz besonders beeindruckt hat sie, wie er in der Burg Maur 2005, in einer gemeinsamen Ausstellung der beiden Kupferstecher David Herrliberger und Matthäus Merian geehrt wurde. «Meinen Vater in den Reihen dieser beiden Spezialisten zu sehen, war einer der schönsten Momente für mich.»
Nun steht in Maur die nächste Ausstellung von Godi Leiser an.So zahlreich die Arbeiten des Vaters sind, den Überblick hat Anna Leiser nicht verloren und alles säuberlich dokumentiert. Sie musste nicht wie ihr Vater in die luftigen Höhen eines Baukrans, dafür reichte der Fussboden ihrer Zürcher Altstadtwohnung.
Ausstellung in Maur
Die Godi-Leiser-Ausstellung wird ab Samstag, 21. März, in der Burg Maur geöffnet. Die Ausstellung kann regelmässig von 14 Uhr bis 17 Uhr besucht werden. Weitere Informationen unter www.museenmaur.ch.
