Wie die Zollinger ins Oberland kamen
978 Einträge findet, wer im elektronischen Telefonbuch «Zollinger» eingibt. 159 weitere sind unter «Zolliker» vermerkt. Die Mehrzahl der Adressen liegt zwischen Zürichsee und Pfäffikersee. Das zeigt, dass viele Zollingers ihrer Heimat die Treue halten.
Blick übers Oberland hinaus
Wieso Heimat zeigt Christoph Zollinger in seinem neusten Werk «Tausend Jahre Zürcher Wurzeln» auf, in welchem er der Geschichte der Zollinger vom 12. bis ins 21. Jahrhundert nachspürt. Es ist nicht das erste Buch, in welchem sich der Kilchberger – er hat die Seeseite gewechselt! – mit seinen Vorfahren beschäftigt. 1976 hatte er zusammen mit weiteren Autoren, darunter auch dem bekannten Oberländer Heimatforscher Jakob Zollinger aus Herschmettlen, bereits «Die Zollinger Chronik» erarbeitet.
Während er in seinem ersten Buch zur Zollinger-Genealogie in dreijähriger nebenberuflicher Arbeit vor allem die letzten Jahrhunderte beackerte, hat er sich jetzt mehr auf die frühere Phase konzentriert und hat die ganzen Familiengeschichten ins jeweilige gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umfeld verankert.
Er blickt nicht nur auf den Kanton Zürich und die Schweiz, sondern gar über die Landesgrenzen hinaus. Dabei hat es ihm vor allem Norditalien angetan, wo er viele Einflüsse ausmacht. Für diese Arbeit setzte er zwei Jahre ein, diesmal allerdings «vollamtlich», wie es der 80-jährige Autor ausdrückt.
Gut dokumentiertes Geschlecht
So hat der Ökonom und Unternehmensberater 75 Geschichtsbücher und 14 genealogische Werke durchforstet. Zu diesen gehören auch weitere Arbeiten zur Familiengeschichte, vor allem auch «The Zollinger Chronicle» des in Wetzikon aufgewachsenen und nach Kanada ausgewanderten Marcel Zollinger. Darin werden Informationen zu bald 26’000 Zollingers erfasst, die mittlerweile über die halbe Welt verstreut waren und sind.
Somit gehört die Familie zu den am besten erforschtesten Oberländer Geschlechtern. Zu diesen gehören etwa auch die Hürlimanns, Walders, Hüssers, Büelers, Bodmers, Buchmanns oder Grafs.
Zollo stand am Anfang
Eigentlich geht Christoph Zollinger aber noch ein Stückchen weiter zurück als «nur» bis ins 12. Jahrhundert. So zeigt er auf, wie im Jahr 837 erstmals der Name «Zollinchovun» in einer Urkunde auftaucht. Und dieser «Hovun» oder Hof wiederum dürfte auf die Sippe eines Zollo zurückgehen. Und hier klärt sich, warum diese Familie ihren Ursprung am Zürichsee hat, steckt hinter Zollinchovun doch das Goldküstendorf Zollikon.
Die Zollinger, also die Nachkommen von Zollo, setzten dann aber im 13. Jahrhundert aufs falsche Pferd. In seinem Buch streut Zollinger immer wieder «Geschichts-Boxen» und «Personen-Fenster» ein, in denen wesentliche historische Ereignisse ausgeführt werden und Angaben zu einzelnen Exponenten aus der Stammfamilie zu finden sind.
Umzug nach einer Fehde
Jedenfalls mussten die «von Zollikon» im Rahmen Regensberger Fehde ihre angestammte Heimat verlassen. So endete ein Konflikt zwischen dem Stadtstaat Zürich und den Freiherren von Regensberg, in dessen Diensten die Zollikoner standen, im Jahr 1251 mit dem Sieg von Zürich ihrem Grundbesitz verlassen. Die Stadt Zürich übernahm das ansehnliche Anwesen.
Und die «Ussiedelinge von Zollikon» siedelten sich im Oberland, vor allem in und um Grüningen an. Die heutigen Familiennamen Zolliker und Zollinger tauchten in diesen Schreibweisen übrigens erstmals 1531 respektive im Jahr 1634 auf – die erste Form von «Zollinger» wurde in Maur verzeichnet, wo mehrere Zollingers als Untervögte wirkten.
Lutikon als Angelpunkt
In zahlreichen Ortschaften und Weilern kamen sie zu Grundbesitz. Dazu zählen etwa Mönchaltorf, Hombrechtikon, Bubikon, Dübendorf, Dürnten, Egg, Maur, Itzikon oder auch Lutikon am Lützelsee. 1665 hatte Heinima Zolliker im Weiler ein prächtiges Riegelhaus gebaut. Lutikon wird zum neuen Zentrum Zollingerscher Aktivitäten. Von hier aus expandieren sie in die weitere Umgebung. Das kunstvoll verzierte Bauernhaus ist wohl eines der schönsten noch vorhandenen Riegelbauten im ganzen Kanton Zürich und Zeuge einstiger Pracht.
Video zum ehemaligen Zollinger-Haus – heute Egli-Haus – in Lutikon am Lützelsee. (Youtube)
Doch das repräsentative Gebäude hat auch ein dunkles Kapitel. So weiss Zollinger auch eine tragische Geschichte aus dem Zolliker-Geschlecht zu erzählen.150 Jahre nach seiner Erstellung spielten sich im Haus dramatische Szenen ab. Der 1792 geborene Johannes Zolliker wurde 1815 als Mittäter eines Doppelmordes in Lutikon verhaftet. Die Landjäger nahmen auch dessen Eltern und Brüder gleich mit nach Zürich. Johannes Zolliker wurde in Zürich hingerichtet.
Der Vater Zollikers musste zusammen mit seinem Bruder sämtliche Gerichtskosten begleichen, weil er seinen Sohn nicht besser erzogen hatte. Das brachte den finanziellen Ruin der Familie. Am 12. Dezember 1815 wurde das Haus verkauft, zunächst an einen Weber, später an einen Egli. Dessen Name trägt das Haus noch heute.
Gesellschaftskritik zum Abschluss
Kapitel um Kapitel, Jahrhundert um Jahrhundert arbeitet sich Zollinger in dem schön gestalteten und gut strukturierten Buch bis in die Gegenwart und sogar bis in die Zukunft vor. Steht lange die Geografie im Vordergrund, die Siedlungsorte und der Grundbesitz in den diversen Orten, rückt darauf die berufliche Entwicklung der Zollinger in den Fokus.
Bisher vor allem als Bauern tätig, beginnen sie zu diversifizieren, kaufen im 17. Jahrhundert Mühlen und gehen in die Politik. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Prokuristen, Kaufleute, Lehrer oder Schriftenmaler mit dem Namen Zollinger zu finden.
Doch je näher der Autor zur Gegenwart kommt, desto weniger geht es in seinem Buch um die Familie. Immer mehr Raum nehmen dafür Überlegungen des Autors zu aktuellen Problemstellungen ein. Man spürt dessen Lust, sich mit Veränderungsprozessen in Gesellschaft, aber auch in der Wirtschaft und der Politik auseinanderzusetzen. Kein Wunder, hat er sich in einigen Publikationen schon diesen Themen angenommen. Und auch im hohen Alter treibt ihn «die Enttarnung ideologischer und populistischer Zeiterscheinungen» an, um auf eine «überfällige Reform der Schweiz» hinzuwirken.
Christoph Zollinger; Tausend Jahre Zürcher Wurzeln, Zeitreisen von Zürcher Familien im Spiegel der Geschichte, Die Zollinger (Zolliker) von Zollikon, 12.-21. Jahrhundert, 240 Seiten, ISBN 978-3-85717-276-2, 49 Franken.
