«Der Zusammenhalt macht den Verein besonders»
Das Wichtigste in Kürze
- Trotz Widerstand riefen sieben Frauen 1944 den Frauenverein Ilnau ins Leben
- Frauen wie Turnleiterin Vroni Fehr prägten den Verein über lange Zeit
- Nebst dem Turnen stand immer das Gesellschaftliche im Vordergrund
In der Geschichte des Illnauer Frauenturnvereins war das «Rössli» oft Schauplatz wichtiger Anlässe. So auch an diesem späten Vormittag. I n der Lounge des Restaurants sitzen drei Frauen, die Köpfe über unzähligen alten Dokumenten und Bildern zusammengesteckt. Die Frauen sind Vereinspräsidentin Claudia Bienz, Aktuarin Silvia Mäder und Anna Weilenmann-Brüngger. Letztere ist mit ihren 94 Jahren das Gedächtnis des Frauenturnvereins. Als leidenschaftliche Turnerin war sie aktives Mitglied von 1957 bis 2015. An die Gründung kann sie sich noch gut erinnern.
1944 war die damals 19-Jährige Präsidentin der Damenriege. «Ein paar der älteren Frauen wollten nicht mehr mit uns Jungen an den Spieltagen und Turnfesten mitmachen», erinnert sie sich. «Sie beschlossen, eine Frauenriege zu gründen.» Das ging aber nur mit dem Einverständnis des Vorstands des Turnvereins. Dieser war wenig begeistert von der Idee und auch im Dorf war der Tenor nicht sehr freudig. Es gäbe schon genug Vereine, hiess es. Doch die sieben Initiantinnen liessen sich nicht entmutigen. Allem Widerstand zum Trotz turnten sie – zwar noch der Damenriege unterstellt – ab sofort in der Frauenriege.
Turnen unter freiem Himmel
Da es zu dieser Zeit noch keine Turnhalle gab im Dorf, fanden die Turnstunden bei schönem Wetter auf dem Schulhausplatz statt. War es regnerisch, sassen die Frauen privat zum Plaudern zusammen. Im Winter turnten sie – oftmals ohne Leitung – im Rösslisaal.
1951 bekam Illnau schliesslich die langersehnte Turnhalle – und die Frauenriege ihre erste Leiterin: Heidi Koblet aus Fehraltorf. Sie übte ihr Amt fast 30 Jahre aus und ist den Mitgliedern noch heute ein Begriff. «Ich habe gehört, dass sie für die Turnstunden jeweils mit dem Pferd von Fehraltorf gekommen ist», wirft Claudia Bienz ein. Die 51-Jährige blickt fragend zu Anna Weilenmann. Diese lächelt und nickt versonnen. Auch sie hatte unter Heidi Koblet geturnt und oft den Rundlauf – ihre persönliche Lieblingsdisziplin – absolviert.
«Wenn Vroni Fehr aussteigt, wird das ein riesiger Verlust.»
Claudia Bienz, Präsidentin des Illnauer Frauenturnvereins
Ein nächster Meilenstein erreichte die Frauenriege 1952, als das erste Reglement erstellt wurde. Darauf folgte 1953 die Gründung mit eigenem Vorstand. Zweck waren «Turnerische Tätigkeit und Geselligkeit». Beim Turnen galten nun die Richtlinien des Schweizerischen Frauenturnverbandes – dennoch sollten nicht körperliche Spitzenleistungen im Zentrum stehen, sondern die Freude an Bewegung und der eigenen Gesundheit.
Suchen nach frischem Blut
Die Freude wusste vor allem eine zu vermitteln: Vroni Fehr. Sie stiess 1976 zum Verein und leitete von da an die Turnstunden. Dies tut sie – mit reduziertem Pensum – bis heute. «Sie hat eine unglaubliche Art, die Leute zu motivieren», schwärmt Claudia Bienz. «Jede Woche studiert sie ein neues Programm mit passender Musik ein. Sie ist sehr beliebt bei den Mitgliedern und füllt jedes Mal die Halle.» Was sein wird, wenn sich die mittlerweile 77-Jährige aus dem aktiven Turnen zurückzieht, daran mag die Vereinspräsidentin nicht denken: «Wenn sie aussteigt, wird das ein riesiger Verlust.»
Für frisches Blut zu sorgen, ist aber nicht nur bei den Leiterinnen schwierig. Der Frauenturnverein kämpft mit Nachwuchsproblemen. Den Grund dafür sieht Claudia Bienz vor allem darin, dass viele Frauen mit Familie und Beruf so ausgelastet seien, dass sie keine Zeit fürs regelmässige Turnen fänden. «Oft haben sie auch Angst, sie hätten bei uns im Verein zu viele Verpflichtungen. Aber bei uns ist alles freiwillig», meint Bienz beschwichtigend.
Nun meldet sich Aktuarin Silvia Mäder zu Wort, die dem Gespräch bisher still beigewohnt hatte: «Das war früher ganz anders. Der Verein diente dazu, rauszukommen aus dem Alltag und die Gesellschaft mit Gleichgesinnten zu pflegen», erklärt die 54-Jährige. «An der GV wurden die Mitglieder jeweils aufgefordert, während dem Vereinsjahr Freundinnen und Bekannte für den Frauenturnverein zu motivieren.»
Der Traum vom Turnfest
Auch wenn das Gesellschaftliche heute nicht mehr denselben Stellenwert hat, wird es vom Frauenverein intensiv gepflegt – egal, ob bei den wöchentlichen Turnstunden mit anschliessendem Schlummertrunk, bei gemütlichen Grillabenden oder dem Raclette-Essen, auf den Vereinsreisen oder bei den allseits beliebten Turnerkränzchen. «Der Zusammenhalt macht den Verein besonders», sagt Silvia Mäder.
Nur eines fehlt schon seit Längerem auf der Vereinsagenda: die Teilnahme an den regionalen oder kantonalen Turnfeste. «Es wäre schön, wenn wir wieder einmal eine Gruppe dafür zusammenbringen könnten», meint Claudia Bienz und ihre Augen beginnen zu leuchten. «Das zu erleben, wäre einfach genial!» Dieses Ziel ist zwar hochgesteckt, aber wer hartnäckig bleibt, kann auch Unmögliches erreichen. Das haben vor 75 Jahren sieben Illnauer Frauen unter Beweis gestellt.