«Es war meine Mutter, die Druck gemacht hat, dass wir heiraten»
Georg Preusse hat die Anerkennung seines Vaters gesucht. Gelandet ist er dabei in Ringwil. In einem uralten Haus mit schrägen Wänden. An einem hölzernen Esstisch. Bei Jack Amsler.
Jack Amsler ist in diesem Haus aufgewachsen. An diesem Holztisch hat er schon als Kind gefrühstückt. Er hat nie länger irgendwo anders gewohnt. Er hat die Anerkennung seiner Eltern nie vermisst.
An der Fensterfront sitzen die zwei Chihuahuas Frieda – schwarz – und Shirley – sandfarben. « Die Kleine » – das ist Shirley – « spinnt komplett » , sagt Amsler. « Eigentlich wollte ich ja keine Hude mehr. Das gab immer so ein Drama, wenn die gestorben sind » , sagt Preusse. Im Eingangsbereich hängt ein Ölporträt der beiden Tiere.
Preusse und Amsler, beide werden nächstes Jahr 70, wohnen seit gut vier Jahrzehnten zusammen im früheren Bauernhaus. Jedoch war das Paar – geheiratet haben sie 2002 – auch viel unterwegs: Als Kunstfigur Mary Morgan tourte Georg Preusse durch Europa, trat unter anderen im Hallenstadion und im Berliner Admiralspalast auf und nahm 24 Folgen einer eigenen Fernsehshow auf.
Er veröffentlichte sieben Solo-CDs und weitere sechs im Duo mit Reiner Kohler als « Mary und Gordy » . Daneben arbeitete Preusse immer wieder fürs Theater, unter anderem unter Friedrich Dürrenmatt. Gemanagt wurde er während dem Grossteil seiner Karriere von seinem Mann. Mary Morgans Abschiedstournee endete 2012.
Aber Herr Preusse, Sie waren ein Showstar. Sie gehören nach Berlin oder Paris oder immerhin in die Stadt Zürich. Was machen Sie in Hinwil?
Preusse: Nein wieso denn? Ich bin hier in Ringwil zu Hause. Hier fällt alles von mir ab. Hier fühle ich mich leicht und frei. Und wenn ich weg will, dann kann ich das. Ich bin von hier aus schneller an einem Flughafen, als ich es in Berlin wäre. Wollen Sie einen Kaffee?
Nein, danke.
Preusse: Jack, du schon, oder?
Amsler: Gerne.
Jack ist ein ungewöhnlicher Name für einen Ur-Hinwiler. Wie heissen Sie mit bürgerlichem Namen?
Amsler: Jakob. Das mit Jack kam so: Ich habe ursprünglich Automechaniker gelernt, aber mich hat schon während der Lehre eher Musik interessiert als Autos. Dann habe ich begonnen, mit André Béchir, der später Goodnews Productions gründete, Konzerte zu veranstalten.
Preusse: Deshalb wusste Jack auch, worauf er sich mit mir als Künstler einlässt.
Amsler: Das mit den Konzerten habe ich gemacht, bis ich Georgs Manager wurde. Den Übernamen Jack habe ich von den englischsprachigen Künstlern verpasst bekommen. Er ist geblieben.
Preusse: Ich glaube, ich habe dich noch kein einziges Mal Jakob genannt.
Amsler: Nein, nicht einmal wenn wir Streit haben.
Haben Sie häufig Streit?
Amsler: Ich würde sagen selten. Aber es ist natürlich schon vorgekommen, wir sind ja jetzt auch über 40 Jahre zusammen.
Zum Beispiel wegen der Frage, ob Sie sich wieder einen Hund zu tun wollen?
Preusse: Ach das war ja kein Streit. Ich wollte keine Hunde mehr. Aber dann waren wir bei einer Freundin, die züchtet. Dann wollte ich doch auch wieder einen Hund.
Erstaunlich oder? Wenn man als Paar auch noch zusammen arbeitet gibt’s doch sicher viel Potential für Meinungsverschiedenheiten.
Preusse: Wenn wir als Paar gestritten haben, nahmen wird das nicht mit ins Theater, wenn wir im Theater gestritten haben nahmen wir das nicht mit nach Hause. Der Streit pausierte, wir assen zu Abend, verbrachten die Nacht, am nächsten Tag durfte der Theater-Streit weitergehen.
Amsler: Ich finde das nicht so erstaunlich. Beim Hund, da konnten wir uns zwar schliesslich doch nicht einigen, welchen wir wollen. Deshalb haben wir jetzt zwei. Aber sonst sind wir einfach häufig gleicher Meinung.
Preusse: Ja, eigentlich von Anfang an.
«So wie man das hier im Oberland macht, ohne viel Tamtam, man spricht miteinander und ist sich einig »
Jack Amsler
Erzählen Sie von diesem Anfang.
Preusse: Ich war 1978 mit meiner Show auf Tour und da habe ich länger im « Anker » Halt gemacht. Da war es Winter, es lag viel Schnee, so wie jetzt.
Amsler: Der « Anker » war eine Bauernkneipe in Ringwil, hier gleich die Strasse runter. Die musste vor einigen Jahren schliessen. Ich arbeitete damals gerade in Vaduz, war aber einige Tage zu Hause und hörte von dieser Show, die jeden Abend ausverkauft sei.
Preusse: Dann war da eines Abends Jack im Publikum und wir kamen halt ins Gespräch. Am Tag danach unternahmen wir noch etwas und dann noch einmal und seit damals sind wir eigentlich ein Paar.
Amsler: Ja, so wie man das hier im Oberland macht, ohne viel Tamtam, man spricht miteinander und ist sich einig.
Sie haben mit ihrer Travestieshow eine Ringwiler Bauernkneipe gefüllt?
Preusse: Ja. Der „Anker“ war kurz vor der Pleite, da kam ich gerade gelegen. Irgendwann kamen die Leute auch von Zürich her, um die Shows in Hinwil zu sehen. Die Autos standen die ganze Strasse runter. Ich denke, man kann sagen, dass ich dazu beigetragen habe, dass die Beiz noch einige Jahre überlebt hat.
Löste die Show keine Proteste aus?
Preusse: Nein. Von den Oberländern habe ich nie negative Reaktionen bekommen, mehr Neugier und dann schnell Akzeptanz. Am Morgen wurde hier in Gummistiefeln Znüni gegessen und am Abend eben in Frauenglitzerkleidern gesungen. Stärker kann ein Kontrast kaum sein, aber gestört hat das kaum jemanden. Ich komme aus Ankum in Norddeutschland. Dort war alles viel spiessiger. Es gab mehr Acker zu roden, als hier.
Sie tourten mit ihrer Kunstfigur Mary Morgan durch ganz Europa, machten Travestieshows salonfähig. Wie kommt man im Deutschland der 70er Jahre auf die Idee, eine solche Karriere zu starten?
Preusse: Ich habe ursprünglich eine Fernsehtechniker-Lehre gemacht. Aber praktisch war ich wirklich ganz furchtbar untalentiert. Ein kleines Wunder, dass ich nicht durch die Gesellenprüfung gefallen bin. Die Zukunft als Techniker schien mir sehr beengend.
« Meine Homosexualität konnte ich nie beichten, weil ich sie nie als falsch empfand. »
Georg Preusse
Mary war ihre Flucht aus der Enge.
Preusse: Ja. Ich habe ich in einer Bar gejobbt, in der andere Travestiekünstler auftraten. Ich fand das schrecklich, dachte mir, das kann ich besser und begann selber aufzutreten. Das versprach damals eigentlich auch keine Zukunft, aber immer noch die bessere, als die eines Technikers. Ich entschied mich für die spassigere Zukunft. Mein Vater fand das natürlich schlimm. Von da an war es mein Motor, ihm zu beweisen, dass das was ich tue, nichts Schlechtes ist. Und damit dem Rest der Welt auch.
Ging es dabei um Mary oder um Ihre Homosexualität?
Preusse: Natürlich um beides. Ich habe nie eingesehen, dass eines davon falsch sein soll. Ich habe nie eingesehen, dass Menschen nicht so leben dürfen, wie es ihnen gefällt. Ich bin zwar Katholik, aber meine Homosexualität konnte ich nie beichten, weil ich sie nie als falsch empfand.
Wieso wurde aus Mary Morgan ein solcher Erfolg?
Preusse: Für weibliche Kabarettistinnen war es damals nur salonfähig, sich über sich selbst lustig zu machen. Mary hingegen war eine selbstbewusste Vollemanze, die sich primär über Männer lustig gemacht hat, gleichzeitig aber auch selbstironisch war. Viele Frauen haben mir die Rückmeldung gegeben, Mary sei eine Frau, zu der sie aufschauen könnten.
In den 70ern formierten sich Bewegungen für Frauen- und LGBT-Rechte. Kam Mary gerade zur rechten Zeit? (LGBT steht für lesbian, gay, bisexual und transgender)
Preusse: Klar, sie kam in die Zeit eines Wechsels des Frauenbildes. Und des Schwulenbildes. Es war eine Zeit der Befreiungsschläge, da passte Mary dazu.
« Es war denn auch meine Mutter, die Druck gemacht hat, wir sollen doch heiraten. »
Jack Amsler
Ist der Name Mary eine Anspielung auf die biblische Maria?
Preusse: Nein, « Mary » habe ich einfach irgendwann gewählt. Eigentlich wollte ich die Figur später in Ulli Ulrich umbenennen, da wäre das weibliche und männliche gleich schon im Namen drin gewesen. Aber zu der Zeit war Mary schon zu erfolgreich und man wollte mich nur noch unter diesem Namen buchen.
Herr Amsler, wie fanden es ihre Eltern, als bei ihnen ein Mann einzog, dessen Beruf es war, als Frau verkleidet Kabarett zu machen?
Amsler: Ach, das war nie ein Problem. Meine Eltern sahen alles immer sehr locker.
Preusse: Ich wurde hier sehr herzlich aufgenommen. Meine Schwiegereltern nahmen mich gerne mit an Lotto-Abende und kamen an meine Shows.
Amsler: Ja, am Ende haben wir meine Mutter sogar noch im Rollstuhl auf Tournee mitgenommen. Sie hat mit uns gelebt, bis sie gestorben ist. Es war denn auch meine Mutter, die Druck gemacht hat, dass wir heiraten. Wir wollten beide gar nicht unbedingt. Aber sie fand, so seien wir besser abgesichert.
Preusse: Einmal habe ich sie gefragt, wie sie das denn finde, so hier in diesem Haus mit uns zwei Männern zu leben. Da hat sie nur gesagt: « Naja, eineinhalb Männer » , und hat gelacht.
Haben Sie solche Sprüche gestört?
Preusse: Im Gegenteil. Für mich waren sie ein Liebesbeweis.
Also haben Sie bei Ihren Schwiegereltern gefunden, was Sie an Ihren Eltern vermissten?
Preusse: Ja.
Herr Amsler, Sie waren massgeblich an Marys Erfolg beteiligt, aber die Anerkennung und die Preise gingen an ihren Mann. Hat sie das gestört?
Amsler: Ganz und gar nicht. Die Bühne war mir ein Graus. Ich fand es schon schlimm, wenn ich mal helfen musste, ein Mikrofon zu verrücken. Meine Sucht waren die Vorverkaufszahlen, zu wissen, ob ich einen guten Riecher gehabt hatte. Ich sass aber jeden Abend am Mischpult und schaute zu. Wenn Georg auf die Bühne kam, war ich glücklich.
Gab es Situationen, in denen Sie Angst um ihn hatten?
Amsler: Einmal war ein Verrückter im Saal und hat sich den Weg an die Bühne gebahnt, da hatte ich plötzlich Angst der tut Georg jetzt was an und habe mich auf ihn gestürzt. Hätte ja sein können, dass er ein Messer dabei hat.
Preusse: Um mich musste man sich nicht so viele Sorgen machen. Aber wir hatten dunkelhäutige Tänzer. Kurz vor dem Mauerfall waren wir im Osten und dort wurde an manchen Orten Jagd auf Dunkelhäutige gemacht. Da hatte ich Angst, dass ihnen etwas passiert.
« Je heftiger ich angefeindet wurde, desto heftiger war mein Drang zu beweisen, dass diese Leute Unrecht hatten. »
Georg Preusse
Ist etwas passiert?
Amsler: Nein, wir haben uns so organisiert, dass die Tänzer nie alleine unterwegs waren.
Im Oberland wurden sie offenbar nie direkt angefeindet. Wie war es anderswo?
Preusse: Dass es hiess « Hier tritt der Teufel auf » oder sonstige nicht sehr freundliche Reaktionen, das gab es vor allem in Deutschland mit einer gewissen Regelmässigkeit.
Hat sie das getroffen?
Preusse: Je heftiger ich angefeindet wurde, desto heftiger war mein Drang zu beweisen, dass diese Leute Unrecht hatten. Ich wollte dann einfach noch härter arbeiten und noch erfolgreicher sein. Die Überzeugungsarbeit reizte mich.
Amsler: Er hat wirklich über Jahre gearbeitet wie ein Besessener, geprobt bis zum Umfallen. Komplett masslos.
Haben Sie als Ehemann und Manager darunter gelitten?
Amsler: Ja klar, manchmal. Ich konnte diesen extremen Ehrgeiz nicht immer nachvollziehen. Nach 16 Stunden Arbeit am Tag fand ich irgendwann, jetzt ist dann gut.
Hat er auf Sie gehört?
Amsler: Manchmal.
Preusse: Ich war schon als Kind etwas seltsam. Ich war zu schwach und kränklich, um mit den anderen Jungs herumzutoben. Da sass ich dann halt in der Ecke und habe gelernt, wie man zugehört und beobachtet.
Waren Sie auch so Herr Amsler?
Amsler: Nein überhaupt nicht. Ich habe Sport immer geliebt und bin eher der Draufgänger-Typ.
Haben Sie überhaupt Gemeinsamkeiten?
Preusse: Wir golfen beide sehr gerne.
Amsler: Und unsere Hunde Frieda und Shirley, die lieben wir auch beide. Aber sonst gibt‘s kaum Gemeinsamkeiten. Ich liebe Rock, er die Oper. Ich liebe Eishockey, er Theater. Er reist gerne, ich muss sediert werden, um einigermassen angstfrei fliegen zu können.
Ist das nicht hinderlich als Paar?
Amsler: Gar nicht. Ich fische, er kocht dann den Fisch.
Preusse: Wir nehmen gerne am Leben des anderen teil. Ich gehe mit an den Eishockeymatch, er kommt mit mir in die Oper. Und nachdem ich 2012 mit Mary aufgehört hatte, flog Jack für eine lange Reise mit mir in die USA und nach Asien. Das habe ich geschätzt.
Wieso haben Sie Mary aufgeben?
Preusse: Ich wusste nicht, welche Themen ich noch bearbeiten sollte. Da hat mir dann der Ansporn gefehlt, nochmals in die Stöckelschuhe zu steigen. Und 2012 war ich auch schon 62, in diesem Alter muss man sich überlegen, ob man sich ein weiteres Programm wirklich noch antun will. Da sind dann gleich drei weitere Jahre weg.
« Jetzt geht es mir wie vielen Pensionierten, ich habe fast zu wenig Zeit. »
Jack Amsler
Vermissen Sie Mary?
Preusse: Ganz und gar nicht. Ich fühle mich viel eher befreit. Es ist nochmals ein ganz neues Leben für mich: Mein Göttibub ist mir in die Arme gerannt. Ich bin Boot gefahren auf dem Mekong. Ich kann machen was ich will, den ganzen Tag lang. Ich dachte nie, dass ich solche Dinge noch erleben würde. Das sind Arten von Glück, die ich nicht kannte. Das ist ein ganz neues Leben, das sich da vor mir auftut. Und ich kann ja noch Rollen annehmen wenn ich will, momentan stehe ich in Berlin im Stück « Der Stellvertreter » auf der Bühne. Dort spiele ich den Papst Pius XII.
Mit dem Ende von Mary wurden Sie, Herr Amsler, quasi zwangspensioniert. Hat Ihnen das Mühe bereitet?
Amsler: Am Anfang schon. Aber jetzt geht es mir wie vielen Pensionierten, ich habe fast zu wenig Zeit. Unsere Hunde, von denen sich Georg dann doch hat überzeugen lassen, geben auch viel zu tun. Ich treibe Sport, wir reisen, wir fahren zu Freunden oder unsere Freunde kommen nach Hinwil. Unsere Göttikinder sind häufig zu Besuch, es ist immer etwas los.
Und vermissen Sie Mary?
Amsler: Nein, das nicht.
Mary Morgan hat 45 Jahre existiert. Hat sie etwas bewirkt?
Preusse: Ja, ich denke schon, dass wir so unseren Beitrag leisten konnten. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir am gesellschaftlichen Wandel teilhaben und mitwirken konnten. Viele junge Homosexuelle haben mir geschrieben, sie hätten sich durch mich getraut, mit ihren Eltern zu sprechen. Das finde ich zwar etwas hochgegriffen, aber freuen tut’s mich trotzdem. Das ist eine Bestätigung, nach der man nicht gefragt hat. Das ist das Schönste.
Und die Bestätigung des Vaters, haben Sie die bekommen?
Preusse: Viele Jahre nach meinem Karrierebeginn kam er zu einer Show. Und irgendwann hat er sich « Mary und Gordy » im Fernseher angeschaut. Dann begannen Leute, die meine Show mochten, meinen Vater darauf anzusprechen. Da konnte er plötzlich mit breiter Brust durchs Dorf gehen.