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Supergeile Heldenpose in extrem brutaler Slow Motion

Supergeile Heldenpose in extrem brutaler Slow Motion

Zur Welt des Sports habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Für Resultate und den Wettkampf an sich interessiere ich mich sowas von gar nicht. Die Schweizer Nati hat Deutschland besiegt? Pffff. Was gibts zu essen?

Schon spannender ist das Drumherum, die kleinen und grossen Dramen, aufgeplusterte Stars, die im Ferrari ihre gigantischen Egos spazieren fahren, Trainerentlassungen mit gegenseitigen schmutzigen Schuldzuweisungen, die Steuerhinterziehungen, bis in Landesregierungen hineinreichende Dopingskandale oder das Schicksal ganzer Nationen, die allein wegen eines verlorenen Fussballspiels in eine kollektive Depression verfallen. Völlig bescheuert, aber amüsant.

Der Grund, weshalb ich dennoch immer wieder beim Fernsehsport hängen bleibe, ist: Sport sieht einfach geil aus. Gerade auch im Vergleich zu früher, als Sportler häufig wie Mutanten wirkten, weil sich ihr Training einseitig auf die prioritär beanspruchten Körperteile konzentrierte. So sah man dann Speerwerfer, deren rechter Arm wie der von Popeye aussah, während der linke eher an ein Streichholz erinnerte.

Der Damenmannschaft der DDR an den Olympischen Spielen 1980 wollte man nachts jedenfalls nicht in einer einsamen Gasse in Moskau begegnen.

Und dann war da auch noch die Sache mit den Hormonen. Besondere «Therapieformen» sorgten dafür, dass Kugelstosserinnen aus Osteuropa einen Rekord nach dem anderen brachen, und das scheinbar spielend, wobei es ihnen ungleich schwerer fiel, ihren Bartwuchs zu kaschieren. Der Damenmannschaft der DDR an den Olympischen Spielen 1980 wollte man nachts jedenfalls nicht in einer einsamen Gasse in Moskau begegnen. Zu viel Testosteron.

Da hat sich doch einiges geändert. Bekam man früher in der Zieleinfahrt des Ski-Weltcuprennens rotbackige Bauerntrampel zu Gesicht, kommen heute wahre Schönheiten unter Helm und Skibrille hervor, die man nur aus dem hautengen – lechz! – Anzug pellen müsste, und schon wären sie bereit für den Laufsteg in Paris oder Mailand. Ja, so zeigt sich die Sportwelt heute: Genaustens definierte Muskelstränge, wo man hinsieht, die teure Trendfrisur des kommenden Jahres auf dem Kopf und als Krönung die richtige Tätowierung an der richtigen Stelle.

Und wenn man dann einen Mario Balotelli anschaut, wie er sich nach einen Kracher ins Lattenkreuz wie im Rausch das Trikot vom Leib reisst und die Schweissperlen auf seiner schwarzen Haut glitzern. Oder Christiano Ronaldo, dieser eitle Gockel, wie er in genau einstudierter Siegerpose zum Freistoss antritt, breitbeinig, mit geschwellter Brust, Kinn nach vorne, den Blick in die Ferne gerichtet. Ja, wer da als Heteromann nicht mal kurzzeitig seine sexuelle Orientierung hinterfragt, der kann nur blind sein.

Ja, man sieht sogar, was er denkt. Nämlich: «Fuck, schon wieder umziehen. Und wo ist eigentlich Helga?»

Das alles wird noch gesteigert durch eine visuelle Inszenierung, die sogar Leni Riefenstahl vor Neid erblassen liesse. Und das soll was heissen, schliesslich hat die Dame in den 1930ern mit damals komplett neuen Schnitttechniken und Kameraperspektiven sowie ein klein wenig Unterstützung von (später eiskalt abservierten) Berufskollegen nicht unwesentlich zur Heroisierung des Sports und des Nationalsozialismus beigetragen. Hätte sie die heute verfügbaren, die Grenzen der Physik verspottenden Kamerafahrten zur Verfügung gehabt, sie hätte den Krieg wohl im Alleingang gewonnen.

Das wichtigste Element, das heute jede Sportübertragung zu einem Heldenepos macht, ist jedoch weder Schnitt noch Perspektive. Nein, es ist die Slow Motion. Superlangsame Superzeitlupe, dank Superbrutal-HD gestochen scharf. Und natürlich ist auch hier der Fussball das Mass aller Dinge. Da wird aus jedem Spucken eine bildstarke Betrachtung eines schaumigen Bällchens, das, selbstgenügsam um sich selber drehend, die eigene Kurzlebigkeit zelebriert, während dem Spucker ein kleiner Sekretfaden in fast schon poetischer Anmut das Kinn runterrinnt.

Auch Zweikämpfe bekommen eine ganz neue Ästhetik und Tiefe. Denn man sieht nicht nur, wie der eine in das Schienbein des anderen reingrätscht, wie sich der Schuh mit der Ferse voran in die Wade bohrt und der Knochen unter dem enormen Druck nachgibt. Man sieht auch den Wurm, der aus einem der wegspritzenden Erdklumpen rausschaut. Ja, man erkennt sogar, was er denkt. Nämlich: «Fuck, schon wieder umziehen. Und wo ist eigentlich Helga?» Helga folgt gleich im nächsten fliegenden Erdklumpen. Also eigentlich sind es zwei Helgas, denn einer der Stollen ging mitten durch sie durch.

Was wieder mal beweist: Beim Fussball geht es eben doch um Leben und Tod.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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