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Fräsen und blasen gegen Naturkatastrophen

Fräsen und blasen gegen Naturkatastrophen

Vielleicht haben Sie vor ein paar Tagen den Blizzard bemerkt, der in den Niederungen des Zürcher Oberlands niederging und ganze Landschaften für immer unter der weissen Masse begraben hat. Nur mit Hilfe des GPS und viel Fantasie konnte ich unter der zwei Zentimeter dicken Schneedecke die weissen Parkplatzmarkierungen vor dem Haus knapp erkennen.

Entsprechend froh war ich, dass der Nachbar morgens um halb sieben Uhr mit der 50-PS-Schneefräse die Autoabstellplätze von der daumenbreiten Decke befreite.  Sein Enkel durfte dabei zusehen, wie der Opa das Quartier wieder der Welt und den Gebührenzahlern zugänglich machte. Und der Alte sagte zum Jungen: «Schau, das ist Schnee, wenn du darauf pinkelst, wird er gelb.» Oder etwas Ähnliches. So genau habe ich das nicht verstanden.

Doch eigentlich war seine Botschaft eindeutig. Mit seinem maschinellen Effort bewies er, dass er viel schneller lästigen Schnee und Eis loszuwerden vermag als die lahme Natur. Von wegen beschleunigter Klimawandel. Solange alle Schaltjahre im Tal eine foliendicke Schicht Schnee zu liegen kommt, hat es wohl ein Loch im globalen Treibhaus. Damit hat die Natur versagt und es braucht wieder mal die menschengemachte Nothilfe mittels einer Schneefräse, konstruiert für den hochalpinen Einsatz.

Vielleicht haben Sie in diesem Herbst die Blätter bemerkt, die die unsensible Natur ohne Rücksicht auf schreckhafte Menschen in die Gärten donnern liess. Es war nur fair, dass sich der Nachbar dagegen zur Wehr setzte. Und wieso nicht dem ganzen Quartier zeigen, wie gut sich die Menschheit gegen den Blätterdurchfall mit einem benzinbetriebenen Laubbläser behauptet? Erst konnte er sich zwar nicht entscheiden, in welche Ecke des Quartiers das Laub geblasen werden soll, aber nach einer Stunde hatte er das Zeugs, wo es hingehört – möglichst weit weg vom eigenen Garten, in dem wieder der Golfrasen zum Vorschein kam, wie ihn die Natur nicht prächtiger gedeihen lassen könnte. Dem feigen Igel, der sich unter den Blättern versteckt hielt, sagte er: «Lass allein mich dem Geschicke – wage nie dich wieder her!» Oder eventuell hat er nichts gesagt, aber seine Botschaft war klar:

Die Ustermer Grünen haben keine Ahnung, wie sie mit ihrem Postulat «Weniger Laubbläser und Laubsauger» beweisen. In dem Vorstoss behauptet die Partei, dass Würmer, Insekten, Spinnen und Kleinsäuger mit dem Wegblasen des Laubes mit einer Luftgeschwindigkeit von bis zu 220 Stundenkilometern Nahrung und Lebensraum verlieren. 

Dabei sind das einfach nur Schwächlinge. Wieso schmeissen wir zivilisierten Bürger den unermüdlich unverwüstliche Petflaschen, edle McDonald’s-Verpackungen, bunte Plastiksäcke und beste Aludosen auf Wiesen und Felder? Wenn eine Spinne aus einer 330-Milliliter-Petflasche kein Hochhaussiedlung mit Rooftop-Bar hinbekommt, hat sie nie einen Migros-Clubschulkurs für Evolutionslehre besucht.

Bleibt zu hoffen, dass mein Nachbar beim Frühlingsschnitt mit der Motorsäge endlich die unverpackten Singvogeleier zerfetzt, und den Sommer über wird er hoffentlich mit dem Hochdruckreiniger die lästigen Orchideen von der Naturwiese fräsen. Alles andere wäre enttäuschend.

 

David Marti stellt sich regelmässig tot, wie ein Opossum. Trotzdem treten Menschen auf ihn ein, damit er diesen Blog schreibt.

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