Nacktspaziergänger sind ok
Wer im Oberland Nacktwandern will, kann das gleich vergessen. Denn hier sind nur Nacktspaziergänge möglich. Der Fall ist klar: Nur Überschreitungen von 2000 Höhenmetern oder mehr zählen zum quälenden Vorhaben, das als Wanderung bezeichnet werden darf. Wer mit Rucksack, roten Socken – und von mir aus Schuhen darüber – aufs 1292 Meter hohe Hügeli namens Schnebelhorn läuft, ist übertriebener ausgestattet als ein Taucher auf einem Toitoi-WC.
Demnach waren die Nacktwanderer, die im Frühjahr ihre schlaffen Glieder durch die hügeligen Oberländer Wälder schlängelten (es waren alles Männer) auf den flüchtigen Blick richtig unterwegs. Wer aber einen zweiten Blick riskierte und an den bleichen Ärschen nicht schneeblind wurde, bemerkte, dass auch die Arschbesitzer mit Rucksäcken und Schuhen masslos übertrieben ausgerüstet sind.
Dass sich Fussgänger durch die Niederungen – auch mit Kleidern –als Wanderer bezeichnen, ist seltsam. Es fehlen im Tal schlichtweg die Strapazen, die man nur in Berglagen erleben kann.
Zu einer gepeinigten Wanderung gehört demnach auch immer ein tyrannischer Führer. In meiner Kindheit hat mein Vater diese Rolle bestens vertreten. Knapp nach der Nabelschnurdurchtrennung steckte er mich in Wanderschuhe, die foltergerecht zu klein oder zu gross waren, und die Mutter band mir unter Tränen die Schuhe – mit der Nabelschnur.
Um mich für die Qualen zu revanchieren, wehrte ich mich mit «Wie weit ist es noch?». Eine unendlich wiederholbare Frage, die seit der Erfindung der Kinder Väter in den Wahnsinn treibt. Leider meinen nicht. Seine Antwort auf die aus Kindersicht existenzielle: «ein Katzensprung.» Das konnte ein 12-Stunden-Marsch oder ein 24-stündiger sein.
Wenigstens wurde hin und wieder auch ein Geschwister von mir zu einem dieser Todesmärsche verdammt. Wie viele ich einst hatte, weiss ich nicht mehr. Zwischen den Katzensprüngen konnte viel passieren. Vielleicht haben die heute übriggebliebenen auch den ein oder anderen kleinen Bruder verspeist, denn in des Vaters Rucksack war glaub ausser einem Feldstecher, einer 1:10‘000er-Wanderkarte und einem Stück Kreide nichts Essbares dabei, und nur die Kreide schmeckte einigermassen.
Natürlich können die Erinnerungen trügen und ich übertreibe auch ein wenig, unumstösslich bleibt aber die Meinung, dass es in der dicken Luft unter 2000 Höhenmetern keine Wanderer gibt. Auch ein Mose würde heute nur von einem 40 Jahre dauernden Spaziergang durch die Wüste sprechen und nicht einer Wanderung.
Meistens ist das auch der Grund, wieso es hierzulande so viele beschilderte Spazierwege gibt. Mit diesen soll den Leuten bei der Suche geholfen werden. Oft sind die Leute aber nicht auf der Suche nach gelobtem Land, sondern der nächste Kneipe oder Tankstelle. Die Mortalität ist bei diesen Suchabenteuern geringer als beim Wandern. Man erkrankt höchstens ein bisschen an Leberzirrhose, viel heftiger triff einem das höhenbeschwingte Gipfelweintrinken.
Wie unverhältnismässig eine Wanderausrüstung im Tal auch ist, ein bisschen Ausstattung sei auch den Nacktspaziergängern im Oberland gegönnt. Eine dritte rote Socke für Männer ist bei kühlen Temperaturen um den Gefrierpunkt ein adrettes Kleidungstück auf der Suche nach der nächsten Kneipe.
David Marti stellt sich regelmässig tot, wie ein Opossum. Trotzdem treten Menschen auf ihn ein, damit er diesen Blog schreibt.
