Wer im Oberland Nacktwandern will, kann das gleich vergessen. Denn hier sind nur Nacktspaziergänge möglich. Der Fall ist klar: Nur Überschreitungen von 2000 Höhenmetern oder mehr zählen zum quälenden Vorhaben, das als Wanderung bezeichnet werden darf. Wer mit Rucksack, roten Socken – und von mir aus Schuhen darüber – aufs 1292 Meter hohe Hügeli namens Schnebelhorn läuft, ist übertriebener ausgestattet als ein Taucher auf einem Toitoi-WC.
Demnach waren die Nacktwanderer, die im Frühjahr ihre schlaffen Glieder durch die hügeligen Oberländer Wälder schlängelten (es waren alles Männer) auf den flüchtigen Blick richtig unterwegs. Wer aber einen zweiten Blick riskierte und an den bleichen Ärschen nicht schneeblind wurde, bemerkte, dass auch die Arschbesitzer mit Rucksäcken und Schuhen masslos übertrieben ausgerüstet sind.
Dass sich Fussgänger durch die Niederungen – auch mit Kleidern –als Wanderer bezeichnen, ist seltsam. Es fehlen im Tal schlichtweg die Strapazen, die man nur in Berglagen erleben kann.
Zu einer gepeinigten Wanderung gehört demnach auch immer ein tyrannischer Führer. In meiner Kindheit hat mein Vater diese Rolle bestens vertreten. Knapp nach der Nabelschnurdurchtrennung steckte er mich in Wanderschuhe, die foltergerecht zu klein oder zu gross waren, und die Mutter band mir unter Tränen die Schuhe – mit der Nabelschnur.

