Die Emojis werden uns alle töten
Es ist noch gar nicht lange her, da begannen Menschen in E-Mails mithilfe von Satzzeichen darauf hinzuweisen, wie das Geschriebene zu verstehen ist. Wenn etwas nicht sooo wahnsinnig ernst gemeint war – oder wenn man ein bisschen verschwörerisch erscheinen wollte –, setzte man fortan den Ironiezwinkerer ein, bestehend aus einem Semikolon und einer schliessenden Klammer. Ästheten setzten noch ein Näschen, also einen Bindestrich dazwischen.
Wenn etwas lustig und zum Lachen sein sollte, gab es einen Doppelpunkt, fakultativ einen Bindestrich und dazu die schliessende Klammer, also den klassischen Smiley. Das Gegenteil, also ein Lätschli, erhielt man, wenn man die schliessende durch eine öffnende Klammer ersetzte.
Bis dahin hatte ich alles verstanden. Doch dann kam Whatsapp – und die Smileys wurden zu Emojis. Die Stossrichtung war klar: Man wollte nicht mehr nur die rudimentären Gefühlsregungen wie Freude, Trauer und Zwinkerzwinker abbilden, sondern das ganze emotionale Spektrum. Seither dauerts immer ein wenig, bis ich antworte. Denn um das Ganze einordnen zu können, muss ich erst im Emoji-Lexikon nachschlagen. Da kann man dann zum Beispiel lesen, dass der Zwinkersmiley zum Schelm wird, wenn er seine Zunge rausstreckt, denn dann steckt eine Flirtabsicht dahinter. Muss man schon wissen in einem Dialog.
Was will mir das sagen?
Vor ein paar Tagen bekam ich von einer Person, mit der ich unbedingt und ausschliesslich platonisch verkehren möchte, einen Smiley mit Kussmund und herumfliegendem Herzchen. Ich erschrak und dachte, dass diese Person mir an die Wäsche will. Im Emoji-Lexikon las ich dann, dass das als romantische, aber durchaus auch als rein freundschaftliche Geste verstanden werden kann. Da mir nicht klar war, welche Auslegung diese Person beabsichtigte, brach ich den Kontakt sicherheitshalber sofort ab.
Noch ein wenig komplexer wurde es, als das verantwortliche Unicode-Konsortium damit begann, immer mehr Lebensbereiche der Menschen in die Emojis zu packen. Bald gab es sie in allen Hautfarben, Geschlechtern und Ethnien, dazu Geburtstagstorten, Fabelwesen, Gemüse. Neuerdings zeigen sie auch Menschen mit Behinderung.
Sex mit Backwaren und Früchten
Blöd nur, dass ausgerechnet die drei Dinge, die den Menschen offensichtlich am meisten Spass machen, nach wie vor fehlen: Sex, Drogen und Gewalt. Man setzt deshalb auf Codes. Wer bei seinem Dealer Ecstasy bestellen will, schickt ihm einen Blitz und ein Herz. Wer auf Geschlechtsverkehr aus ist, behilft sich mit einer Banane und einem Donut. (Wie «Ich hau dir gleich aufs Maul» dargestellt wird, hab ich leider nicht rausgefunden.)
Das macht das ganze noch verwirrender. Wenn ich zum Beispiel eine Kollegin per Whatsapp zu einem Bananenkuchen einladen und das mit einer Banane verdeutlichen möchte (ist ja immerhin die Hauptzutat), dann könnte sie das als Penisbild auffassen und mich anzeigen. Oder sie steht eine halbe Stunde später nur mit Strapsen bekleidet vor meiner Haustüre.
Wir sind alle geliefert
Solche Missverständnisse sind zwar unangenehm, werfen aber die Welt nicht gleich aus den Angeln. Bis jetzt jedenfalls. Doch wehe uns, wenn erst der olle Trump die Emojis für sich und seine Twitter-Ergüsse entdeckt. Dann was denkt sich der Putin wohl, wenn sein Kontrahent über seinen Zoobesuch twittert (Banane gegessen, Donut gegessen, einen Bären gesehen)? Ein Phallussymbol, ein Vagina- oder Anussymbol, und dazu der Bär als Symbol für Russland? Klar: Der will mein Russland f***en! Und schon öffnen sich die Raketensilos. Ganz ohne Zwinkersmiley.
Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.
