Aufstehen, gerade sitzen und dem Lehrer die sauberen Hände zeigen
Etwas ratlos sitzen die Schüler im Kreis, vor sich ein Gerät aus Plastik. Was für Generationen von Schulkindern aus dem Unterricht nicht wegzudenken war, ist ihnen gänzlich fremd. Dabei hat der «Profax» in den 1960er-Jahren den Schulunterricht revolutioniert. Erstmals konnten Schüler ihre Übungen selbständig korrigieren: Wenn sie an der richtigen Stelle ein Loch ins Papier stanzen konnten, war ihre Antwort richtig. Entstand statt des Lochs bloss ein Bleistiftpunkt auf dem Blatt, war sie falsch.
Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Geräts haben die Lehrerinnen und Lehrer der Primarschule Birchlen für diesen Tag ein besonderes Programm zusammengestellt: Egal, ob im Deutsch- oder Mathematikunterricht, bei der Handarbeit oder beim Spielen auf dem Pausenhof: Für einen Morgen lang soll der ganze Schulbetrieb wie anno dazumal stattfinden. Die Kinder lernen, in Schnürlischrift auf Schiefertafeln zu schreiben; mit Nadel und Faden einen Knopf anzunähen. Und eben analoge Instrumente wie den Profax zu bedienen.
Geduldig erklärt Lehrerin Eva Riefgraf das sperrige Gerät. Die Kinder haben ihren Spass daran. Trotzdem findet auch Reifgraf: Der Profax ist aus der Zeit gefallen. «Das System ist nicht gerade intuitiv und braucht viel Erklärung. Übungen am Computer funktionieren für heutige Primarschüler besser.»
«Froh, gehe ich heute zur Schule»
Im Mathematikunterricht steht die Klasse hinter den Bänken, während die Lehrerin vorne Kopfrechenaufgaben vorgibt. Absitzen darf nur, wer sie richtig beantworten kann. Einige Kinder stehen für Minuten, während ihre Klassenkameraden schon lange sitzen. Der zehnjährigen Lorena gefällt das gar nicht: «Die Lehrerin war sehr streng heute. Alles musste perfekt sein, jede Antwort stimmen». Sei nicht kerzengerade im Stuhl gesessen habe sie die Lehrerin sofort zurechtgewiesen. Etwas, was Lorena im gewöhnlichen Unterricht nicht kennt: «Ich bin froh, gehe ich heute und nicht vor 60 Jahren in die Schule.»
Auch ihre Lehrerin, Annika Graf, ordnet die Kopfrechnenübung im Nachhinein kritisch ein: «Ein solcher Unterricht setzt die Schüler unter Druck. Wer die Antwort nicht weiss, wird blossgestellt.»
Kichern über befremdliche Regeln
Die Mädchen tragen Röcke, einige haben die Haare zu Zöpfen geflochten. Die Jungs kommen im Hemd und haben Schirmmützen auf dem Kopf; einer hat sich sogar eine Krawatte umgebunden.
Die Kinder begreifen die Retro-Lektionen mehr als Spiel denn als ernsthaften Schulunterricht. Die strikten Regeln befremden sie. Wenn sie die Klassenlehrerin im Chor begrüssen und ihr die Hände zeigen müssen, ob sie auch schön sauber sind, können viele das Kichern nicht zurückhalten. Ihre Vorgänger und Vorgängerinnen vor 60 Jahren dürften das weniger lustig gefunden haben.
«Die Schüler sind es sich nicht gewohnt, eine Stunde lang nur etwas zu machen.»
Markus Zeier, Initiator des Projekts
Die Lehrer greifen immer wieder auf zeitgemässe Unterrichtsformen zurück. «Die Primarschüler von heute sind es sich gar nicht mehr gewohnt, eine Stunde lang nur etwas zu machen», sagt Markus Zeier, der das Projekt initiiert hat. «Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist viel kürzer.» (siehe Box)
Die Zeit lässt sich im Schulhaus Birchlen also nicht einfach so zurückdrehen. War Dübendorf vor 60 Jahren noch bäuerlich, ist es heute multikulturell geprägt: Die 203 Schüler und Schülerinnen haben ihre Wurzeln in rund 20 verschiedenen Ländern. Die Schule beschäftigt eigens eine Lehrerin, die «Deutsch als Zweitsprache» unterrichtet.
Und noch etwas mahnt daran, dass eben doch 2020 ist und nicht 1960: Zur Begrüssung und Verabschiedung reichen die Schüler den Lehrpersonen nicht die Hand, sondern den Ellbogen. Eine Vorsichtsmassnahme, um Corona-Infektionen vorzubeugen. (Reto Heimann)
«Lehrer hatten früher mehr Autorität»
Markus Zeier ist Lehrer an der Primarschule Birchlen. Er hat das Projekt «Schule damals» initiiert und mitorganisiert.
Herr Zeier, wie haben sich die Lehrpersonen auf «Schule damals» vorbereitet?
Markus Zeier: Sie haben Gespräche mit älteren Kollegen geführt. Auch im Internet findet sich vieles dazu. Zudem unterhalte ich privat eine Sammlung an alten Schulbüchern, die ich zu Verfügung gestellt habe.
Welche Unterschiede erkennen Sie zwischen Schulunterricht 1960 und heute?
Einerseits das Schulmaterial: Wo früher ein Rechen- und ein Deutschbuch genügte, haben die heutigen Schüler viel mehr und verschiedene Lehrmittel zur Verfügung. Andererseits war die Gangart ruppiger. Wer von der Norm abwich, hatte es schwer.
Wie hat sich die Rolle der Lehrperson verändert in den letzten 60 Jahren?
Lehrer hatten früher mehr Autorität. Heute ist es schwieriger, sich gegen Schüler, aber auch Eltern durchzusetzen. Dafür ist das Verhältnis zu den Kindern heute näher: Sie erzählen ihren Lehrern mehr als einst.
Läuft ein solches Projekt nicht Gefahr, früheren Schulunterricht zu romantisieren? Immerhin war der Schulunterricht damals nicht nur lustig.
Wir haben den Schülern erklärt, dass früher härtere Sitten im Klassenzimmer geherrscht haben. Es war aber auch nicht das Ziel, ein historisch exaktes Abbild zu vermitteln. Es ging darum den Schülern zu zeigen, wie unterschiedlich Unterricht aussehen kann.