So behaupten sich kleine Oberländer Getränkehändler
Mit Service und Flexibilität
Harte Arbeit, Preisdruck und fehlende Mitarbeiter machen Getränkehändlern das Leben schwer. Kleinere Betriebe aus der Region müssen ihre Nische finden.
Wenn Claudio Tessari an den letzten Sommer zurückdenkt, dann steigen ihm fast Schweissperlen ins Gesicht: «Wir hatten so viel zu tun, wir mussten sogar einige Event-Aufträge ablehnen», sagt der Inhaber der Egli und Tessari Getränkehandel AG aus Wald.
Obwohl er sich über die Aufträge freut, bedeuteten sie auch immer viel Arbeit. Früher sei es einfacher gewesen, Aushilfen für die Spitzenzeiten zu finden.
«Es ist einfach ein Knochenjob, und wenn sowieso Arbeitskräfte gesucht werden, dann ist eine kleinere Getränkehandlung sicherlich nicht sehr attraktiv», meint er.
Hohe Arbeitsbelastung
Wenn er für Spitzenzeiten keine zusätzlichen Mitarbeiter findet, dann muss er das Problem anders lösen. «Wir sind ein Familienbetrieb, meine Frau und mein Onkel arbeiten auch hier.» Und wenn es stressig wird, dann packen alle an.

Die hohe Arbeitsbelastung war auch der Grund, wieso die Ustermer Traditionsfirma Girsberger + Sieber AG ihr bisheriges Kerngeschäft verkauft hat. Übernommen wird es ab 1. Januar von der ebenfalls in Uster ansässigen Firma Zweifel Weine & Getränke AG.
«Wir finden kaum noch Personal, das bereit ist, am Wochenende und abends zu arbeiten», sagte Lilian Angehrn, Co-Geschäftsführerin der Girsberger + Sieber AG, Mitte Oktober.
Mit den Kunden per Du
Tessari geht davon aus, dass grössere Händler auch einfacher Arbeiter finden. «Dort wird die Last auf viele Schultern verteilt, wenn jemand ausfällt, ist das weniger schlimm.»
Und auch wenn die Auftragslage im Moment gut ist, bleibt die Getränkebranche ein schwieriges Geschäftsumfeld. «Mit steigenden Betriebskosten wegen höheren Strom- oder Benzinpreisen geht auch immer mehr von unserer Marge verloren», sagt Tessari. Der Preisdruck sei enorm.

Das bestätigt auch Eveline Bösch von der E. Bösch Getränke GmbH in Effretikon. «Es ist ein knallhartes Business», sagt sie. «Grössere Ketten können viel tiefere Preise anbieten, da müssen wir mit anderen Punkten überzeugen.»
Bösch sagt, dass sie gut mit der Hälfe ihrer Kundschaft per Du sei. «Und die kommen zu uns, weil sie den persönlichen Kontakt schätzen.» Im Laden liegt dann auch mal ein kurzer Schwatz drin. «Über Gott und die Welt.»
Ebenso schätzen die Kunden die hohe Flexibilität und den Service. «Wir helfen beispielsweise persönlich dabei, wenn man viele Getränke einladen muss.»
Steigende Kosten
Im Gegensatz zu Claudio Tessari hatte Bösch in diesem Sommer Glück. Auch in ihrem Betrieb war sehr viel los, doch sie konnten kurzfristig eine zusätzliche Aushilfe finden. «Aber es war trotzdem sehr anstrengend, wir wurden fast überrannt. Am Ende des Tages waren wir trotzdem dankbar und zufrieden.»
Die personellen Ressourcen machen Bösch keine Sorgen: «Wir haben zwei langjährige Mitarbeiter, der eine ist sogar schon seit über 20 Jahren bei uns.» Ausserdem arbeitet seit letztem Jahr die Tochter im Betrieb mit. Allenfalls wird sie eines Tages das Geschäft übernehmen.
Mehr zu schaffen als die Situation auf dem Arbeitsmarkt machen Eveline Bösch die steigenden Kosten. Gewisse Lieferanten haben bereits zwei Mal in diesem Jahr die Preise erhöht. Das sei bisher noch nie vorgekommen.
«Wir müssen diese Preiserhöhung an unsere Kunden weitergeben, sonst geht es bei uns nicht mehr auf.» Doch damit seien die höheren Kosten, die auch für ihren Betrieb anfallen, nicht vollumfänglich gedeckt.
Im Moment sei das noch tragbar. «Wir hoffen aber, dass sich das Preisniveau endlich wieder stabilisiert.»
Eine «kleine» Übernahme
Die steigenden Preise beschäftigen auch Peter Steiger, Inhaber der Steiger Getränkehandel und Postautobetrieb AG aus Schlatt. «Die hohen Betriebskosten machen es für ein kleineres Getränkeunternehmen wie unseres sicherlich nicht einfacher», sagt er.
Vor einiger Zeit hat sein Getränkehandel einen wichtigen Auftrag von der Stadt Winterthur verloren. «Er war öffentlich ausgeschrieben, ein grösseres Unternehmen erhielt den Zuschlag», konstatiert der Geschäftsführer. Doch mit dem Entscheid war auch auf einen Schlag ein Umsatz in der Höhe von rund 100’000 Franken weg.

Immerhin kann Steiger nun für einmal von einer Geschäftsaufgabe profitieren. Ein Getränkehändler im Tösstal stellt seinen Betrieb auf Ende Jahr ein. Dieser will jedoch nicht öffentlich Stellung nehmen.
Da Steiger aber schon länger mit der Firma eine gute Zusammenarbeit pflegt, kann er allenfalls einige Stammkunden übernehmen.
Die Nische finden
Für Steiger sind es aber nicht nur andere, grössere Getränkehändler, die ihm Konkurrenz machen. «Vor allem bei kleineren Aufträgen sind es auch immer mehr die Grossverteiler mit ihren Hauslieferdiensten», stellt er fest. «Bei kleineren Mengen scheint das praktisch zu sein, da sie ein breites Sortiment anbieten können.»
Sein Unternehmen muss deshalb mit anderen Qualitäten auftrumpfen. «Unser Service ist gut, das schätzen unsere Kunden.» Auch sei er flexibler als grössere Händler. «Wir bringen manchmal auch noch kleinere Mengen bei Getränkenotstand ausserhalb der üblichen Touren und Lieferzeiten.»
Nur so, ist Steiger überzeugt, können auch kleinere Getränkehändler in Zukunft überleben. Sie müssen ihre Nische finden.
Dem stimmt auch Claudio Tessari von Egli und Tessari Getränkehandel AG aus Wald zu. «Wir haben einen guten Standort, um die Ausflugsgastronomie in unserer Bergregion zu beliefern», sagt er.
Das brauche etwas mehr Planung und Flexibilität, was ein Vorteil gegenüber den Grossen ist. «Denn auf den Bachtel kommt man mit dem Lastwagen im Winter nicht hoch.»
