Furchterregend feiner Fisch
Authentisch! Mit diesem Wort werden exotische Speisen vom Publikum in den kulinarischen Adelsstand erhoben. Heute, da dank Pauschaltourismus auch Frau Rüdisühli oder Herr Hugentobler durch Kambodscha trekken, weiss bald jeder, was authentisch ist. Ausser uns. Das dürfte es für die Crew des Dübendorfer «Kang In» zumindest nicht schwieriger machen.
Wir entscheiden uns für den letzten verfügbaren Tisch im Freien. So ist das Ambiente garantiert authentisch – authentisch Agglo. Das Lokal liegt ziemlich ungeschützt an der stark befahrenen Zürichstrasse. Gemütlicher, aber auch etwas dunkler ist es im Innern des Lokals – mitten unter der Woche bis auf den letzten Platz besetzt.
Exotisch, frisch, scharf oder einfach mal was anderes: so die Ansprüche unserer Viererrunde beim Sichten der in einer dekorativen Holzbox gereichten Karte. Am besten alles gleichzeitig, finden zwei und entscheiden sich für das Buffet. Es wird nur über Mittag angeboten (Fr. 26.50 mit Getränk) und soll der Grund sein, weshalb man im «Kang In» meist Tage zuvor reservieren muss.
Die Kollegin bestellt mit auffallend leiser Stimme. Das liegt wohl weniger an ihrem Temperament als am Namen des Gerichts. Ihre Wahl fällt auf den «Amok-Fisch». Die Erklärung der Chefin des Hauses fällt nur halbwegs beruhigend aus. Der Fisch sei ein normaler Seeteufel, bloss die Zubereitung sei «Amok». Das Gericht gibt es mit Jasminreis für nicht ganz günstige 38 Franken. Auch der einzige Mann am Tisch beweist Mut zu Unkonventionellen. Er bestellt «Scharfe Ente» (mit Jasminreis 36 Franken). Gerichte aus der Karte gibt es auf Vorbestellung auch zum Mitnehmen, mit 25 Prozent Ermässigung.
Die abgeschlossene Bestellung ist gleichsam der Startschuss für die Buffet-Fraktion. Während andere bescheiden ein oder zwei Frühlingsröllchen auf dem Tellerchen drapieren, kehren wir mit üppig beladenem Geschirr an den Tisch zurück. Zu verlockend war das Angebot: Spargeln mit Krevetten, zwei Poulet-Currygerichte – ein gelbes mit Kartoffeln und eines mit Erdnüssen. Dazu Gemüse und gedämpfter Reis.
«Und wie ist es?», will die A-la-Carte-Hälfte mit offensichtlich hungrigen Blicken wissen. «Zartes Poulet», «harmonisch gewürzt», «knackige Peperoni», «genau die richtige Schärfe»: Das ist wohl nicht das, was man hören will, wenn man selber vor dem blanken Tischset sitzt. So ist wohl auch der leicht bissige Humor des Wartenden dem Hunger geschuldet: «Immerhin scheint die Ente nicht aus der Glatt zu kommen, wenn es so lange dauert.»
In der Küche scheint man das gehört zu haben. So werden schon mal Rechauds gebracht. Bald dampfen in friedlicher Nachbarschaft der gefährliche Fisch und die scharfe Ente. Ersterer «schwimmt» in einer Art Pool aus Bananenblättern, die von Bostitchs zusammengehalten werden. «Wunderbare Konsistenz und perfekt gewürzt», so das Urteil. Auch für die grosszügige Portion scharfe Ente gibt es lobende Worte, gefolgt vom Griff in die Hosentasche «Die hält, was sie verspricht», japst es vom Papiertaschentuch gedämpft.
Jetzt, da man nicht mehr unter hungrigen Augen essen muss, ist es Zeit für einen zweiten Gang zum Buffet. Und dann findet die ökologisch Bewusste doch noch was zu mäkeln – ausgerechnet an der reich gefüllten Obstplatte. Melonen, Ananas, Erdbeeren finden Gnade. Aber Orangen im Sommer? «Geht gar nicht», findet die Anhängerin von Saisonalem und Regionalem. Keine ökologischen und anderen Sünden gibt es für A-la-Carte Mittagsgäste. «Eine Dessertkarte haben wir nur abends», lautet die Auskunft. Richtig schlimm ist das aber nicht, denn eigentlich sind wir pappsatt. Gegen die Lust auf Süsses hilft uns Kambodscha-Unerfahrenen die Vermutung, dass ein Dessert nach dem Mittagessen in Kambodscha bestimmt nicht authentisch wäre.