Wenn alte Spiegel zu neuen Meisterwerken werden
Verlagsbeilage «4-Wände»
Claudio Schreiber verwandelt Spiegel und andere Möbel zu Unikaten für das Zuhause. Wie er zu seiner Berufung kam – und warum er selbst nach der Pensionierung nicht damit aufhören will.
Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «#4_Wände» veröffentlicht, die am 18. September mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.
Zu Beginn seiner beruflichen Karriere hatte Claudio Schreiber nicht viel mit Spiegeln oder überhaupt Möbelstücken am Hut. Der gelernte Maler hatte aber immer schon Spass an Kunst und dem kreativen Schaffen. «Bevor ich ins Oberland zog, betrieb ich in Wädenswil ein Fitnessstudio. Dort hatte ich einen Kunden, der schwer krank war und zu Hause viele alte Spiegel rumstehen hatte. Er erzählte mir, dass er sie wegschmeissen wolle.»
Als Schreiber vom Kunden zu sich nach Hause eingeladen wurde, war er von den vielen schönen Stücken sofort begeistert. «Der Künstler in mir war geweckt, und ich hatte bereits jede Menge Ideen, wie ich die sehr abgenutzten und teilweise kaputten Rahmen reparieren und restaurieren will.» Schreiber erhielt die Spiegel und startete so ein neues Kapitel seines Lebens.
Eine Abholung, die zum Umzug führte
Seit 2001 restauriert Claudio Schreiber nun hauptberuflich alte Bilderrahmen und verwandelt sie in einzigartige Spiegel. Neben verschiedenen Werkzeugen benötigt er dafür auch spezielle Knetmasse, die er selbst zusammenrührt. Besonders wichtig für die Restauration sind die Farben. «Das Bemalen nimmt einen grossen Teil der Zeit der Arbeit in Anspruch, da es eine Weile dauert, bis die Farbe trocken ist. Fange ich zu früh an, darüber zu pinseln, könnte die ganze Arbeit kaputtgehen», erklärt Schreiber. Wie lange er insgesamt für einen Spiegel arbeite, hänge von verschiedenen Faktoren wie Grösse und Beschaffenheit des Spiegels sowie seinen Ideen ab. «Es gab Spiegel, die hatte ich nach wenigen Tagen fertig, und dann auch solche, an denen ich Monate arbeitete», sagt er.

Sein Atelier ist direkt an seinem Haus in Wermatswil angebunden, wo er vor sechs Jahren zusammen mit seiner Frau hingezogen ist. Und auch dieser Umzug begann mit einem Wandspiegel. Bevor er ins Zürcher Oberland kam, wohnte Schreiber in Esslingen und hatte dort auch sein altes Atelier. «Es war ein 100- Quadratmeter-Ladenlokal, das ich mir mit einem anderen Verkäufer die letzten zwei Jahre teilte», erinnert er sich. Doch irgendwann genügte ihm der Platz nicht mehr. Als er eines Tages einen alten Spiegel bei einem Verkäufer in Wermatswil, der sein Haus renovierte, abholte, gefiel ihm dessen Haus so sehr, dass er beiläufig erwähnte, dass er hier auch gerne leben würde. «Dass der damalige Hausbesitzer sein Eigenheim sowieso vermieten wollte, war dann glücklicher Zufall. Nach 18 Monaten bekam ich von ihm eine Nachricht, ob ich noch interessiert wäre am Haus.»
Wer das Atelier betritt, bekommt sofort den Eindruck, dass sich hier ein Handwerker und Künstler sein eigenes kleines Traumreich erschaffen hat. An allen Wänden hängen oder stehen Spiegel in den unterschiedlichsten Grössen und Formen. Schreiber sagt: «Hier kann ich meine Faszination ausleben und meine Ideen und Vorstellungen in die Tat umsetzen.» Man merkt und sieht dem 62-Jährigen die Freude an seinem Beruf deutlich an, wenn er davon erzählt.
Aus einem alten Möbelstück ein neues Werk erschaffen
Um an seine Spiegel zu kommen, hat Schreiber die unterschiedlichsten Methoden. Einerseits schaut er sich immer wieder auf Verkaufsplattformen um, andererseits kommt es auch vor, dass ihn Kunden, ehemalige Kunden oder andere Menschen auf Spiegel aufmerksam machen und ihn anfragen, ob er diese haben will. Und dann gibt es noch eine dritte Art: Zufallsfunde. Diese halten zwar nicht immer nur Spiegel für ihn bereit, jedoch entdeckt er dadurch auch andere Möbelstücke, in denen er Potenzial sieht. So ist auch die Kommode zu Schreiber gekommen, welche jetzt in seinem Atelier steht und darauf wartet, in ein Kunstwerk verwandelt zu werden. «Sie stand am Strassenrand mit einem Zettel darauf, dass sie gratis zum Mitnehmen sei. Sie sieht zwar schon etwas älter aus, ist aber immer noch gut in Schuss. Ich habe auch schon eine Idee, was ich daraus machen könnte», so Schreiber.
Das Arbeiten mit der Kommode unterscheidet sich allerdings im Grundgedanken von der Arbeit mit den Spiegeln. Schreiber erklärt: «Wenn ich einen alten Spiegel habe und ihn durch verschiedene Prozesse wieder repariere und ihm so neuen Glanz verleihe, dann ist das eine Restauration. Wenn ich hingegen, wie bei der Kommode, aus einem bestehenden Möbelstück mithilfe von Spiegeln und deren Rahmen etwas Neues kreiere, dann nennt man das Upcycling. Beide Arten verfolgen dabei aber das gleiche Ziel: die Wiederaufwertung alter Gegenstände, die sonst weggeworfen und vernichtet würden.»
Das sei auch die Motivation gewesen, als er vor 23 Jahren mit dieser Art von Handwerk begonnen habe, sagt Schreiber. Ein Aspekt, der heute aktueller ist denn je. «Man könnte darum fast sagen, dass ich in Sachen Recycling und Wiederverwendung eine Vorreiterrolle eingenommen habe», sagt er mit einem Schmunzeln. In rund zwei Jahren erreicht Schreiber das Pensionsalter von 65 Jahren. Doch ans Aufhören denkt er nicht. «Nein, ich werde weitermachen. Ich habe noch so viele Ideen im Kopf, und mir macht die Arbeit dermassen Spass, dass ich gar nicht aufhören will. Das hier ist meine Leidenschaft.»