Sommerserie: 30. Juli 2010 07:02
Ein Mahnmal mobilisierte die Massen
Über 30'000 1922 an Forchdenkmal-Einweihung
(Bild: Archiv)
Das Dossier zum Thema
Das Forchdenkmal reiht sich ein in die Tradition der vielen Erinnerungsstätten zum Ersten Weltkrieg. Einzigartig machen es die abstrakte Form und der geschichtsträchtige Standort.
Gabriela Frischknecht
Was hätten die Arbeiter auf dem Wassberg im Frühling des Jahres 1922 wohl für einen Schwertransporter oder einen Pneukran gegeben? Stattdessen errichteten sie innert nur sechs Monaten das 18 Meter hohe Wehrmännerdenkmal auf der Forch - eine Bronzeflamme auf einem Sockel - mit Hilfe von Pferdegespannen, Holzgerüsten und der eigenen Muskelkraft.
Grippe schlimmer als der Feind
Es war die Zeit, als überall in Europa Kriegsdenkmäler entstanden, um der gegen zehn Millionen europäischen Opfer zu gedenken, die der Erste Weltkrieg in zermürbenden Stellungskämpfen und unter der Zivilbevölkerung gefordert hatte. Auch die Schweiz - obwohl nicht Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen - wollte da mithalten. Weil es an «echten» Kriegstoten mangelte, zählte man auch jene Soldaten dazu, die der Spanischen Grippe 1918 zum Opfer gefallen waren. Von den gegen 3000 gefallenen Schweizer Armeeangehörigen im Ersten Weltkrieg starben rund zwei Drittel an der Grippe. Während der ersten Grippewelle 1918 liessen bis zu 35 Soldaten täglich wegen des Virus ihr Leben. Die zweithäufigste Todesursache waren Unfälle.
Die Opferbereitschaft darstellen
Mit den zahlreichen Gedenkstätten, die in den 1920er Jahren auch in der Schweiz entstanden, sollten die Ideale von Kampf und Opferbereitschaft sichtbar gemacht werden. Meist waren es lokale Offiziers- oder Unteroffiziersgesellschaften, die solche Denkmäler initiierten. Beim Forchdenkmal spielte die Unteroffiziersgesellschaft des Kantons Zürich eine federführende Rolle. Die Kommission hatte sich zum Ziel gesetzt, mit einem schlichten Denkmal der Wehrmänner zu gedenken, die ihr Leben während ihrer Aktivdienstzeit im Ersten Weltkrieg verloren hatten. Zahlreiche Gemeinden bewarben sich um den Standort, schliesslich wurde die Forch ausgewählt. Die Küsnachter Bevölkerung, auf deren Gemeindegebiet das Grundstück liegt, genehmigte an der Gemeindeversammlung vom 12. März 1922 einen Kostenbeitrag von 9000 Franken. 7000 Franken kamen von der Forchbahn, der Wirt des nahen Gasthofs Krone steuerte seinerseits 1000 Franken bei.
«In lebendig zündender Weise»
91 Zürcher Künstler nahmen am Projektwettbewerb teil. Die Jury entschied sich für das Projekt «das Opfer» des Zürcher Architekten Otto Zollinger. Durch den pyramidenförmigen Aufbau mit der hochgehenden Flamme sei eine charakteristische Gestaltung des Denkmals erfunden worden, begründete das Preisgericht den Entscheid. Es verkörpere Monumentalität, Ernst und Würde in lebendig zündender Weise. Zollinger musste seinen Vorschlag aber nochmals überarbeiten, weil die Kosten sonst massiv überschritten worden wären.
Nur ein harmloser Unfall
Im Frühling 1922 konnte mit dem Bau begonnen werden. Die Geschichte der Errichtung wurde fotografisch festgehalten und dokumentiert. Die Arbeiten gingen zügig voran. Im August und September, nachdem Sockel und Gerüst standen, schleppten die Arbeiter die Einzelteile der Bronzeflamme mit sechs Pferden auf den Hügel. Ein wegen starken Sturmwinds aus Westen am 15. August umgestürztes Baugerüst sollte die einzige Verzögerung bleiben. Da der Unfall um die Mittagszeit passierte, kamen keine Arbeiter zu Schaden. Am 24. September 1922 fand die Einweihungsfeier mit dem damaligen Bundespräsidenten Robert Haab statt. Die Historiker berichten von 30 000 bis 50 000 Besuchern, allein die Forchbahn transportierte 12 865 Personen. «Von allen Seiten strömte aus Stadt und Land das Zürchervolk auf der Forch zusammen, viele der Festteilnehmer, darunter mancher ergraute Veteran, im Ehrenkleide des Vaterlandes», liest sich der Bericht eines nicht namentlich erwähnten Chronisten. Und weiter: «Der Fahnenwald der Zürcher Auszüger- und Landwehrbataillone und die Standarten der Kavallerieregimenter rauschten von der Stufenpyramide über die imposante Landsgemeinde - ein Bild von ergreifender und hinreissender Wirkung.»
Zwei Schlachten bei Zürich
Ein 1946 gefasstes Vorhaben zur Erweiterung des Forchdenkmals kam nie zustande. Erst mit der zweiten grossen Sanierung 1990 wurden im Hohlraum in der Flamme zwei Tafeln mit den Namen aller im Ersten und im Zweiten Weltkrieg verstorbenen Soldaten aus dem Kanton Zürich eingerichtet. Die Inschrift auf dem Mahnmal wurde allerdings nicht verändert. Noch immer heisst es dort: «Dieses Denkmal baute das Zürchervolk als Sinnbild seiner Opfer, die der Weltkrieg 1914 bis 1918 zu des Vaterlandes Schutz forderte.» Wer nun aber denkt, dass auf der Forch nicht einmal harmloses Säbelrasseln stattfand, irrt gewaltig. Nur muss man dafür in der Geschichte weit zurückgehen. 123 Jahre vor der Einweihung des Wehrmännerdenkmals, im Juni 1799, vertrieben die Österreicher die französischen Truppen über die Forch hinunter nach Riesbach. Drei Monate später, am 26. September 1799, mussten die Russen während der zweiten Schlacht bei Zürich vor den Franzosen die Flucht ergreifen. Seither gibt es auf der Forch die Franzosenhöhle. Und nur wenige Zeit später soll der «Krone»-Wirt eine russische Kriegskasse gefunden haben.

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