Bauma: 4. Februar 2010 06:37

Wetter findet im Vorgarten statt

Wann hat es wie viel Niederschlag gegeben? Lisbeth Keller kennt die Antwort

ZO_0402_BP_O_wetterfee0.jpg (Anrissbild 1)

Seit elf Jahren dokumentiert Lisbeth Keller jeden Morgen um halb acht die Niederschlagsmenge der letzten 24 Stunden. (Bild:lso)


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Das Wetter passiert vor der Haustüre von Lisbeth Keller. Seit über einem Jahrzehnt liefert die Baumerin die Daten aus ihrem Vorgarten direkt an Meteo Schweiz. Reich wird sie dabei nicht.

Loredana Sorg

«Bei uns scheint die Sonne, wie sieht es in der Stadt aus?», erkundigt sich Lisbeth Keller regelmässig, wenn sie per Telefon die aktuellen Bodenfeuchtedaten durchgibt. Und natürlich freut sich die Baumerin heimlich über die meist etwas verzagten Antworten aus dem Zürcher Nebelmeer.
Seit elf Jahren liest sie jeden Morgen in ihrem Garten die Niederschlagsmenge ab, misst an jedem Wintertag die Neuschneemenge und notiert sich die Wetterlage morgens, nachmittags und nachts. Gerade erhielt die engagierte Bäuerin, Grossmutter und Vereinsfrau eine Lohnerhöhung: neu werden ihr Fr. 2.20 pro Tag vergütet. Natürlich macht sie dies nicht des Geldes wegen, auch nicht, weil sie unsagbar vom Wetter fasziniert wäre, sondern: «Ich bin ja gesund, ich habe zugesagt, und es ist nicht sehr streng.»

Eine Wetterfee hat niemals frei

Eines Tages im Jahr 1999, als Lisbeth Keller vom Einkaufen zurückkehrte, stand ein Mann von Meteo Schweiz im Vorgarten, die Messgeräte bereits in der Hand. Ihr Vorgänger, auch ein Baumer, hatte nach 38-jähriger Amtszeit gekündigt. Der Meteo-Vertreter konnte sich Lisbeth Keller als Nachfolgerin vorstellen, da sie als Bäuerin sowieso jeden Morgen auf dem Hof sein musste. Die Pflicht, das Wetter mehrmals täglich zu dokumentieren, ist nicht deshalb belastend, weil es einen riesigen Aufwand bereitet, sondern weil man 365 Tage im Jahr zu Hause sein muss. «Ich kann schlecht nein sagen», erklärt Lisbeth Keller, «und damals wussten wir auch nicht, dass wir ein Jahr später unsere Milchkühe verkaufen würden und somit Zeit für Ferien hätten.»
Im April 2007 radelte das Ehepaar Keller trotzdem während vier Tagen von Wien nach Passau, ihr Sohn vertrat Lisbeth Keller unterdessen an der Messstation. «Es war ein wunderschöner, warmer April», erinnert sie sich, denn seit sie sozusagen beruflich dem Niederschlag verpflichtet ist, entgeht ihr keine Wolke am Himmel. Das Wissen hat sie sich mehrheitlich im Selbststudium angeeignet.
Dreimal pro Woche misst sie zusätzlich die Bodenfeuchte in zwei unterschiedlichen Tiefen - allerdings auf der anderen Strassenseite, da die Böden rund um den Hof «den Spezialisten nicht gepasst haben».

Zeit für anderes muss sein

Seit einem Jahr müssen die Betreuer der elf Wetterstationen im Kanton Zürich ein spezielles Formular ausfüllen und Ende Monat per Mail bei Meteo Schweiz einreichen. Damit kann man nicht mehr ganz so viele Details über den Verlauf von Gewittern festhalten. «Aber ich kann sowieso nicht jede Sekunde alles notieren», sagt Lisbeth Keller, «ich habe schliesslich noch anderes zu tun.»
Beispielsweise als Präsidentin des Bezirksgesangvereins, im Frauenchor oder als Aktuarin der Kirchenpflege Bauma. Das Schreiben und Dokumentieren liegt der Wetterfrau im Blut, weshalb sich auch ihr alljährlicher Wetterrückblick im Baumer «Anzeigenblatt» grosser Beliebtheit erfreut. Daneben ist Lisbeth Keller engagierte Hausfrau und Grossmutter: «Meine Enkelin möchte, dass ich für ihr Bäbi neue rosafarbene Strümpfe stricke, es sei gewachsen.»

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