Wetzikon: 14. Januar 2010 05:30
Die modernen Erben von Rudolf Steiner
«Zwischen Himmel und Erde» - der neue Dokumentarfilm von Christian Labhart
Der Rütner Sänger Christoph Homberger spielt in Christian Labharts Film. (Bild: ü)
Der zweite Dokumentarfilm des Wetziker Regisseurs Christian Labhart dreht sich um die Anthroposophie. Der Streifen geizt nicht mit Kritik und besticht mit traumhaften Landschaftsaufnahmen.
Andreas Leisi
Es ist das auffälligste anthroposophische Alltagsmerkmal im Oberland: das Gebäude der Wetziker Rudolf-Steiner-Schule zwischen Uster- und Zürcherstrasse. Schwungvoll setzt die Bauweise einen Kontrapunkt zu den rechtwinkligen Nachbarhäusern. Der Begründer dieser aussergewöhnlichen Architektur Rudolf Steiner (1861-1925) ist lange tot, seine Lehren haben sich jedoch in der Moderne verankert. Doch wie manifestieren sie sich im modernen Menschen? Welche Lebensentwürfe entfalten sich auf dem geistigen Nährboden der Anthroposophie? Ist die anthroposophische Bewegung eine im Geheimen operierende Sekte oder eine menschenfreundliche Alternative im kapitalistisch-kalten Alltag?
Diesen und ähnlichen Fragen ist der Wetziker Kulturpreisträger Christian Labhart in seinem neuen Film «Zwischen Himmel und Erde» nachgegangen. Der Film rückt sieben Personen ins Zentrum, die auf ihrem Lebensweg alle mit der Anthroposophie in Berührung kamen und diese teilweise zu ihrem Lebensinhalt machten: Martin Ott, ehemaliger Bäretswiler und heute biodynamischer Bauer in Rheinau; Christoph Homberger, in Rüti wohnhafter Sänger; Susanne Wende, Lehrerin in Kreuzlingen; Sebastian Gronbach, Journalist aus Köln; Bodo von Plato, Vorstand des Dornacher Goetheanums; Claudine Nierth, Politaktivistin auf Sylt; Christoph Graf, Eurythmist in Ägypten.
Basiswissen ist von Vorteil
Dass alle Protagonisten einen anthroposophischen Hintergrund haben, wird jedoch zum unlösbaren Vermittlungsproblem zwischen Film und Publikum. Kenntnisse über die Lehren Rudolf Steiners sind vonnöten, will man die geschilderten Beweggründe der Hauptpersonen verstehen. Man muss ein Basiswissen über die Ausdrucksform der Eurythmie haben, wenn Martin Ott und Christoph Homberger über die alljährlich am Johannistag dargebotene Kinderaufführung philosophieren.
Gesagtes durch Bilder bestätigt
Oder man muss sich etwas in Rudolf Steiners Theorien auskennen, wenn Bodo von Plato sagt: «Wenn ich davon ausgehe, dass das, was ich heute erlebe, nicht zuletzt die Konsequenzen meiner eigenen Taten sind, dann stehe ich dazu moralisch ganz anders.» Ein früherer von Christian Labhart gedrehter Informationsfilm - «Rudolf Steiner - Die Vielseitigkeit eines Aussenseiters» - wäre als Vorfilm geeignet, zeichnet er doch in 40 Minuten ein umfassendes Bild vom Leben und Wirken Rudolf Steiners.
Was den aktuellen Dokumentarfilm «Zwischen Himmel und Erde» aber absolut sehenswert macht, ist die filmische Art und Weise, wie Labhart an das Thema herangeht. Der Film lässt die Protagonisten sprechen und zeigt sie dazu in ihrer natürlichen Umgebung. Damit wird das Gesagte mit Bildern (fantastische Landschaftsaufnahmen des Ustermer Kameramanns Otmar Schmid) bestätigt und im Bewusstsein des Publikums verankert. Es ist eine Sache, wenn Bauer Ott über Biodynamik referiert, es ist eine ungleich beeindruckendere, wenn man ihn sieht, wie er frühmorgens - einsam und in sich gekehrt - Hornkiesel auf dem Acker verteilt. Oder wenn die Lehrerin den Plan einer Klassenfahrt in die Alpen nicht nur «als die Überwindung von etwas Grossem» beschreibt, sondern wenn man sie sieht, wie sie von einer Schülerin nach hartem Tagesmarsch in der Berghütte zärtlich umarmt wird.
Gleichberechtigte Kritik
Daneben spart der Film nicht mit kritischen Tönen an Rudolf Steiner und der anthroposophischen Bewegung. Insbesondere der Sänger Christoph Homberger, der bei Probearbeiten im Hotel Waldhaus in Sils Maria mit Theaterregisseur Christoph Marthaler gezeigt wird, sagt seine Meinung klar und deutlich. Eindrücklich, wenn er beschreibt, wie seine heutige Frau aus der Rudolf- Steiner-Schule ausgeschlossen wurde, nur weil sie mit ihm in jungen Jahren eine gemeinsame Wohnung beziehen wollte. Homberger ist die personifizierte Ambivalenz zwischen Bewunderung und Ablehnung der Anthroposophie.
Interessant auch der Journalist Sebastian Gronbach, der im Film «Matrix» viele zeitgenössische Parallelen zu Rudolf Steiner sieht und am Boxsack Aggressionen auslebt, die so gar nicht zur harmonischen Anthroposophie passen wollen.
In Labharts Film werden viele - vielleicht zu viele - Themen angesprochen, und es gibt keinen filmischen Spannungsbogen. Dies fordert den Zuschauer intellektuell und bietet wenig Unterhaltung. Das ist der Preis für einen Film über ein komplexes Thema, das - wie man sieht - auch 85 Jahre nach Rudolf Steiners Tod hochaktuell ist.

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