Fussball/Leichtathletik : 30. Dezember 2009 23:20

Der Marathon des Sportpropheten

Roger Kaufmann aus Uster rechnet, läuft, organisiert

Ein Mathematiker, der Chancen von Fussballteams berechnet? Das klingt trocken. Doch der Ustermer Roger Kaufmann hat sich so einen Namen gemacht - und organisiert nebenher den Neujahrsmarathon.

Florian Bolli

Fussball ist nicht berechenbar, sagt man. Für Roger Kaufmann ist er es doch. Der Ustermer Mathematiker ist vor grossen Turnieren und vor entscheidenden Meisterschaftsphasen ein medial gefragter Mann. Ihm werden Fragen gestellt wie: Wie stehen die Chancen von YB auf den Meistertitel? Wie hoch ist das Risiko, dass der «unabsteigbare» FC Aarau letztlich doch absteigt? Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz an der WM in Südafrika die Gruppenrunde übersteht? Kaufmann antwortet mit erstaunlicher - und im Verlauf der Jahre gewachsener - Präzision. Die «Dynamische Sport-Analyse» DSA (siehe Box links) begleitet ihn seit Mittelschulzeiten, als er erstmals die Chancen «seines» FC Zürich auf den Ligaerhalt berechnete. Unterdessen interessieren die Chancen des FCZ auf den Meistertitel mehr - auch wenn sie derzeit klein sind. «Ich weiss es gar nicht auswendig. Ich weiss aber, dass der dritte Rang noch realistisch ist», sagt Kaufmann. «Das habe ich nach dem letzten Spiel gegen Milan auch dem einen oder andern Spieler gesagt - für die war das offensichtlich eine positive Information», sagt Kaufmann lachend.

«Spielerisch - auch im Studium»

Das Flair für die Mathematik wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. «Es fiel mir schon immer leicht. Als mein Bruder in die sechste Klasse kam, habe ich als Drittklässler in seinem Mathematikbuch die Sternchenaufgaben auf der letzten Seite gelöst», erzählt er schmunzelnd. «Das war für mich immer spielerisch - auch während des Studiums noch. Eigentlich ein Privileg.» So wurde aus dem Drittklässler ein Doktor der Mathematik, der heute bei einem der weltweit grössten Versicherungskonzerne arbeitet. Als Mitglied eines vierköpfigen Teams berechnet er ökonomische Szenarien - für ihn eine «interessante und herausfordernde Aufgabe», die er nicht missen möchte. Die Sportanalyse zu professionalisieren, daran denkt er nicht. «Dafür bin ich zu sicherheitsliebend. Es wäre ein zu grosses Risiko», sagt er.
Die Möglichkeit hätte bestanden - bei einem Wettanbieter. Letztlich lehnte Kaufmann das Angebot der deutschen Firma aber ab. Aus moralischen Gründen. «Mir war nicht wohl dabei, als ich daran dachte, dass man möglicherweise auf Kosten von Menschen, die spielsüchtig sind, Gewinnoptimierung betreibt.»
Kaufmann will sein Programm nicht zu Geld machen. Verkauft wird es nicht. Um die Verlässlichkeit seiner Prognosen zu verifizieren, spielte er eine Weile lang zwar Toto, doch «der Ertrag rechtfertigte den Aufwand nicht». Geld mit der DSA verdient er, wenn spezielle Anfragen vorliegen. Etwa, als er an der EM 08 zwei Wochen lang Kundenanlässe einer Versicherung begleitete und in Präsentationen die Chancen der Gegner im folgenden Spiel auslotete. Oder wenn er Ligen auf speziellen Wunsch berechnen muss. «Das ist für mich dann Arbeitszeit - da verlange ich Geld.»

«Nicht nur konsumieren»

Fallen keine solchen Spezialaufträge an, pflegt Kaufmann die Super-League-Daten für die DSA an zehn Halbtagen pro Jahr. Derzeit ist der Aufwand aber gleich null. Der Grund ist nicht etwa die Winterpause, sondern die Neujahrsnacht, wenn er zum sechsten Mal den Neujahrsmarathon Zürich organisiert. «Als Läufer zahlt man Startgeld, nimmt eine Startnummer, läuft, wird verpflegt - eigentlich ist das luxuriös. Ich wollte dasselbe auch von der anderen Seite kennenlernen - und nicht nur konsumieren, sondern auch meinen Beitrag für die Läuferszene leisten.»
Dass der von Kaufmann initiierte Lauf ausgerechnet in der Neujahrsnacht stattfindet, hat einen ganz simplen Grund: «Es gibt in der Schweiz an die 500 Läufe, da muss man mit etwas Neuem aufwarten, um Aufmerksamkeit zu erregen», sagt Kaufmann. So kann er damit werben, den ersten Marathon weltweit auszutragen - der Sieger hat damit eine Jahresweltbestzeit auf sicher. Das findet Anklang. Seit 2005 stieg die Teilnehmerzahl kontinuierlich an - heuer erwartet Kaufmann über 600 Läufer, mehr als die Hälfte davon aus dem Ausland. Er hofft auf «eine gute Party nach dem Rennen. Es gibt nichts Schöneres, als überall Läufer mit strahlenden Gesichtern zu sehen. Vielleicht wäre der eine oder andere in der Neujahrsnacht sonst alleine zu Hause geblieben - insofern ist der Neujahrsmarathon fast schon eine soziale Veranstaltung.»

Mitmachen statt zuschauen

Zum Laufsport kam Kaufmann, weil er «als Fussballer einfach zu langsam war». Sein Vater nahm ihn an Laufveranstaltungen mit - in jener Zeit, als Markus Ryffel Sieg um Sieg feierte. Kaufmann startete mit elf Jahren erstmals am Greifenseelauf, begann leicht zu trainieren, intensivierte das Training später, weil er «sehen wollte, wie schnell ich werden kann».
Unterdessen ist der ambitionierte Hobbyläufer Mitglied des LC Uster und leitet Lauftrainings des Akademischen Sportverbands Zürich ASVZ. Und seit er für den Gigathlon 2007 ein Rennvelo kaufte und merkte, dass ihm das Radfahren liegt, reizt ihn auch der Triathlon. «Ich begleitete meine Freundin zu Triathlons - doch statt stundenlang am Streckenrand zu stehen, mache ich lieber selber mit.» Er nahm einen Schwimmkurs und war mit seinen ersten vier Triathlons so zufrieden, dass er sich am Ironman 70.3 in Rapperswil für die Halb-Ironman-WM qualifizieren will. Ein ambitioniertes Ziel. «Beim Velofahren und Rennen bin ich gut dabei - wenn ich das Schwimmen heil überstehe, ist das realistisch», sagt Kaufmann. «Und die Schwimmstrecke beim Halb-Ironman ist ja relativ kurz.»

Keine Extreme

Wer nun aber glaubt, dass für Kaufmann irgendwann auch noch ein Ironman über die volle Distanz ansteht, sieht sich getäuscht. «Nein», sagt der 35-Jährige dezidiert. «Das wäre zu weit für mich, das will ich nicht.» Kaufmann geht es nicht um Extreme, sondern um Dinge, die ihm Freude bereiten - und die er für vernünftig hält. «Ich finde es nicht gut, wenn einer einen Marathon oder einen Ironman absolviert, damit er dies in seinen Lebenslauf schreiben kann. Die Motivation sollte vom Sport selber, von der Bewegung her kommen.»
Rational, vernünftig, sicherheitsliebend, ein kalkuliertes Risiko - das passt zu einem Mathematiker. Doch wo bleiben dabei die Emotionen? Kaufmann lacht: «Ich kenne das Klischee. Doch auch Mathematiker haben Emotionen. Und Emotionen sind doch letztlich das, was bleibt im Leben. Man erinnert sich an emotionale Momente, aber nicht an Berechnungen, die gestimmt haben.» Emotionen lösen diese aber auch aus - sogar, falls sie einmal nicht stimmen. «Dann freue ich mich über das Extremereignis, weil es zeigt, dass nicht immer alles wie geplant läuft.»

Kommentar schreiben

Anzeige
Anzeige