Wetzikon : 10. Juni 2009 05:30
Hightech-Tinte made in Wetzikon
Pelikan ärgert Markenhersteller
In Wetzikon wird eifrig an der idealen Tinte für Druckerpatronen geforscht. (ow)
Pelikan kopiert seit Jahren erfolgreich Druckerpatronen. Was den Originalherstellern ein Dorn im Auge ist, freut die Konsumenten - sie sparen mit den Pelikan-Produkten bis zu 50 Prozent.
Oliver Wietlisbach
Neun von zehn Schweizern kennen Pelikan. Zum ersten Kontakt kommt es in aller Regel bereits in der Primarschule. Es gibt wohl fast niemanden, der nicht mit dem blauen Pelikan-Füllfederhalter seine ersten Schreibversuche unternommen hat; nicht ohne sich dabei regelmässig beim Patronenwechseln Hände und Kleider zu bekleckern. Praktischerweise liefert die Firma mit dem Tintenkiller auch gleich das probate Gegenmittel. Aber das weltweit tätige Unternehmen versteht es, auch in den manchmal tristen Büroalltag Farbe zu bringen. Mit einem Pelikan-Textmarker werden Dokumente schön bunt, und der langweiligste Bericht scheint mit ein paar farbigen Diagrammen versehen gleich an Bedeutung zu gewinnen.
Billiger Drucker, teure Tinte
Damit Fotos und Grafiken auch auf Papier in kräftigen Farben erstrahlen, braucht es qualitativ hochwertige Druckerpatronen. Der Haken bei Tintenstrahldruckern sind allerdings die immens hohen Tintenkosten. Das Geschäftsmodell der Druckerhersteller besteht seit Jahren darin, die Kunden mit billigen Geräten zu ködern, um ihnen später über die hohen Patronenpreise das Geld aus der Tasche zu ziehen.
«Umgerechnet auf einen Liter bezahlt der Kunde im Laden für Originaltinte zwischen 1500 und 9000 Franken», rechnet Arno Alberty, Verkaufsleiter bei Pelikan, vor. Im Durchschnitt zahlt der Kunde über 4000 Franken für einen Liter Tinte, dafür bekäme er auch eine Flasche Dom Perignon, Jahrgang 1947.
Diese Hochpreisstrategie ermöglicht es Drittanbietern wie Pelikan, mit billigeren Patronen ein Stück vom lukrativen Kuchen für sich abzuschneiden. Allein in Europa geht es im Bereich Druckerpatronen um einen Markt mit einem Gesamtvolumen von rund 7,5 Milliarden Franken.
Forschungsstandort Wetzikon
Die Tintenpatronen entwickelt Pelikan seit 2007 in Wetzikon. Das Innere des Technologiezentrums erinnert etwas an die Werkstatt von Daniel Düsentrieb: Surrende Maschinen mischen die Tinte, im Hochregallager türmen sich alte Drucker meterhoch, und im Chemielabor reiht sich Tintenfläschchen an Tintenfläschchen. Rund 50 der weltweit 2500 Mitarbeiter sind in Wetzikon tätig. «Wir beschäftigen uns hier ausschliesslich mit der Entwicklung. Alle Experten, die gesamte Elektronik und Mikroelektronik sowie das gesamte Know-how sind vor Ort gebündelt», erklärt Thorsten Lifka, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Konkret heisst dies, dass Elektrotechniker die Druckerpatronen von HP, Canon und anderen bekannten Herstellern analysieren, um sie allenfalls nachbauen zu können. Ob eine Patrone nachgebaut wird, ist nicht zuletzt vom Markterfolg eines neuen Druckermodells abhängig. Da eine Eins-zu-eins-Kopie den Patentschutz verletzten würde, muss jede Patrone neu konstruiert werden. Spezialisten entwickeln hierzu Patronenmodelle auf dem Computer, und ein sogenannter 3-D-Printer erstellt innert Minuten einen funktionstüchtigen Prototypen. Eine besondere Herausforderung stellt zudem das Verstehen der Funktionsweise des Mikrochips dar, der in jeder Patrone für die «Kommunikation» zwischen Drucker und Druckerpatrone zuständig ist. Die Entschlüsselung kann Jahre dauern.
Nicht weniger anspruchsvoll ist der Job der Chemiker. Sie müssen laufend neue Tintenfarben herstellen, die vom Original bezüglich Farbwiedergabe oder Wischfestigkeit nicht zu unterscheiden sind. Konzernweit kennen nur fünf Personen die Rezeptur der Pelikan-Tinte. Die Mitarbeiter haben immer nur Zugriff auf einen Teil der Formel. Damit die Pelikan-Geheimnisse auch geheim bleiben, liess das Management aus Deutschland kurzfristig ausrichten, dass im Innern des Technologiezentrums keine Fotos geschossen werden dürfen.
Patent- versus Konsumentenschutz
Momentan wird eine Patrone von Brother analysiert. Bei Brother ist man darüber wenig erfreut. Die Klage gegen Pelikan wegen Patentrechtsverletzungen wurde allerdings bereits im letzten Jahr teilweise abgelehnt. Offiziell beteuert Pelikan, keine Patente zu verletzen. Als grosser Drittanbieter wird die Firma dennoch regelmässig verklagt und geht dabei nicht immer als Sieger vom Platz. «Die Markenhersteller versuchen uns mit allen Mitteln aus dem Markt zu drängen», klagt Alberty. Aus seiner Sicht dienten die «präventiven» Patentklagen immer öfter lediglich dazu, die Drittanbieter zu schädigen. Als Indiz führt er die in den letzten Jahren stark gestiegenen Patentanmeldungen der Gerätehersteller an. Triviale technische Änderungen ohne tatsächlichen Fortschritt würden missbräuchlich geschützt. Dies im Wissen, dass Pelikan jedes Schutzrecht prüfen muss und somit Kosten entstehen, die das «Imitat» verteuern. Für Alberty steht ausser Frage, dass der Verbraucher 30 bis 50 Prozent zu viel für Druckerpatronen zahlt. Er erhofft sich daher Schützenhilfe von den Konsumentenschutzverbänden.
Die Gerätehersteller ihrerseits begründen die hohen Tintenpreise mit der Qualität ihrer Produkte, die von Drittanbietern nicht erreicht werden könne. Bei Pelikan hält man dagegen, dass man sogar eine bessere Qualität als das Original liefern könne.

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